Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 51/09 vom 16.12.2009

Letzte Glocke

Vergleicht man den Inhalt einer alten Ausgabe mit dem einer heutigen, merkt man, dass manche unserer Ansprüche nicht weithergeholt sind. Den einer Zeitschrift aus Wien mit europäischer Perspektive lösten wir in einer einzigen Ausgabe von1989 mit links ein.

Zugegeben, das war nicht schwer in Zeiten des zusammenbrechenden Ostblocks. Aber diese Zeit des Umbruchs haben wir weder verschlafen noch verpasst. Ein Beitrag von Ferdinand Weinfurter (aus einer kleinen Rumänienserie) beschäftigte sich mit den Zuständen in Siebenbürgen. Manfred Renner rekonstruierte das Verhalten eines tschechischen Stalinisten. Ein weiterer Beitrag berichtete aus der ÈSSR (noch hieß sie so): Die Soziologin Marina Fischer-Kowalski besuchte – das erste Mal seit 1968 – wieder Prag und beschrieb den spontanen, bei Kundgebungen stattfindenden Dialog zwischen Regierung und Volk.

„… die Antworten, die das zu hunderttausenden versammelte Prager Volk diesen Rednern gab – Antworten auf nahezu jeden Satz, klar und deutlich wie deren eigene Worte. Keine tobenden Begeisterungsstürme, kein nichtendenwollender Applaus und keine Pfeifkonzerte. Sondern Rede und Antwort, die Worte des Sprechers so deutlich wie die Worte der Redner. Es war ein Dialog, eine neue Form der Demokratie.

Dem Premierminister Adamec bekam sie nicht gut. War er zuvor noch mit seinem Namen willkommen geheißen worden, so sagte das Volk unmissverständlich Nein zu seinem Vorschlag, den für Montag angekündigten Generalstreik auf symbolische Minuten zu verkürzen.

Auf seine Bitte um Zeit für die kommunistische Partei, die Probleme zu lösen, antwortete das Klingeln von hunderttausenden aus den Taschen geholten und von hochgereckten Armen geschüttelten Schlüsseln. Wem auf Deutsch die letzte Stunde schlägt, dem läutet auf Tschechisch die letzte Glocke – und das Volk erfand diese Geste als hörbares Zeichen an die tschechische KP.“ AT


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