Von schrecklich-schönen Fahrten übers Nachtmeer

Steiermark | aus FALTER 51/09 vom 16.12.2009

Gut, dass Wolfgang M. Siegmund wieder da ist. In seinem „Männerb(r)uch“ hat er sich auch gleich selbst neu erfunden

Buchkritik: Wolfgang Pollanz

Wie findet man jemanden wieder, den man seit längerem aus den Augen verloren hat? Einen, von dem man immer gewusst hat, dass er eine ganz eigene Stimme hat, eine voller Poesie, großer Kraft und mit einer Sprachmelodie, die man unweigerlich im Ohr hat, wenn man seine Texte liest.

Man findet ihn, weil er in diesem Buch endlich sich selbst, wenn auch als Anderer, als sich neu Denkender wieder gefunden hat. Die Rede ist von Wolfgang Maria Siegmund, dem Grazer Dichter, der vor vielen Jahren aus dieser Stadt geflüchtet und gelandet ist in der Leere, in der „Hölle (...), in die man Schreiber steckt, die ihr Schreiben nicht lieben, die nichts als Furcht haben vor jedem neuen Satz.“

Neunzehn „schrecklich-schöne Nachtmeerfahrten“ unternimmt Siegmund in diesem großartigen kleinen Buch, in dem er sein eigenes Versagen thematisiert, von seinen Sackgassen und Verzweiflungen erzählt, von neuen Pfaden, die zu gehen er nach langer Zeit wieder im Stande war, vom Ende einer Suche, die keine war, sondern ein Weg. Würde man für diesen Text eine Genredefinition kreieren wollen, dann umschriebe sie wohl der Begriff philosophisch-poetische Prosa am besten, aber das ist nur eine Krücke für ein Kompendium, das besticht durch Klarheit der Erkenntnis, durch augenzwinkernde Ironie. Schade, dass der Titel des schmalen Bandes so irreführend ist. Denn Männerbuch ist dies keines. Es ist ein literarisches Vademecum für Menschen, die ihre Grenzen schon lange kennen und dennoch immer wieder den Mut haben, über sie hinauszugehen.

Wolfgang M. Siegmund: Männerb(r)uch. Leykam, 127 S., € 18,90


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