Doris Knecht

Ich kann nichts dafür, das Fernsehen ist schuld

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 51/09 vom 16.12.2009

Nachdem die Kinder tagelang krank und von ihren erwerbstätigen und/oder ebenfalls kranken Eltern nervenschonend vorm Fernseher gelagert wurden, konnten wir live und vor Ort den Einfluss elektronischer Medien auf den Familienalltag überprüfen. Denn leider macht das Kinderfernsehen die Kinder nicht nur pflegeleicht und kusch, sondern auch klüger, nicht immer im Sinne der Erzeuger. Im inkriminierten Fall entlud sich die neue Kinderklugheit in einer morgendlichen Konversation zwischen einem der Mimis und dem Langen. Der Lange: „Zieh dir jetzt bitte die Jacke an.“ Das Mimi: „Glaheich.“ Der Lange: „Jetzt!“ Das Mimi: „Du hast mir gar nichts zu sagen, du hast ja nicht einmal ein Sorgerecht.“ Die Mutter, vom Langen mit einem irritierten Blick beworfen: „Ich kann nichts dafür, das hat sie aus dem Fernsehen.“

Andere haben jetzt was aus dem Radio, den Frenk Lebel nämlich, den FM4 jetzt löblicherweise doch spielt, nachdem ich die FM4sche Ignoranz in der letzten Kolumne bitter beklagte. Bravo, sage ich jetzt und lasse mich von diesem Erfolg natürlich sofort dazu verleiten, hier weitere unerbetene Vorschläge zu machen. Was den FM4lern sicher ungefähr so taugt, wie wenn bei mir einer, wie am Sonntag im phil, mit einer CD am DJ-Pult erscheint, die er bitte jetzt gern gespielt haben möchte. Tschaulitschau, baba und tschüss. Aber anhören kannst du es dir wenigstens. Nein! Jetzt nicht!

Immerhin erging’s mir besser als dem Kollegen R., denn der Kerl verzog sich murrend, während beim R. ein adäquater Vorgang damit endete, dass der Kerl dem R. die Pappn panierte. Das war aber auch im Flex, nicht im phil. Im phil wirkt noch die Kraft des Wortes: Zupfst du dich jetzt bitte? Pfff, na gut. Danke, ich muss jetzt nämlich noch einmal „America“ von Simon & Garfunkel spielen, ist gerade mein Lieblingslied. Ja, lacht doch, ist mir powidl.

Kraftderwortemäßig hat dann auch die Laokoongruppe am Sonntag hervorragend live ins phil gepasst, eine meiner diesjährigen Heimspiel-Lieblingsbands. „Walzerkönig“, bitte! Unfassbar großartige Nummer. Gehört auf FM4 täglich zur Stoßzeit gespielt. (Jaja, ich zupf mich eh schon.) Habe ich auch letztens im rhiz wieder aufgelegt, leider vor praktisch leerer Hütte, denn Eugene Chadbourne hatte sein zweieinhalbstündiges Solo-Set gerade mit einer eineinhalbstündigen Banjosession beendet. Ein sehr höflicher Mensch, der Herr Chadbourne, und ein kraftvoller Performer, solange er nur die Finger vom Banjo lässt. Danach hab ich den „Walzerkönig“ gebraucht wie die drei Liter grünen Tee gegen den Kater anderentags. Den „Walzerkönig“ schaut man sich erst auf Youtube an (großartiges Video von Adnan Popov) und dann noch „Komm und tanz mit mir“, und dann rennt man sofort los und kauft die CD. („Walzerkönig“, konkord.) Schon, um den Gröbchen ein bisschen zu ärgern, aber das verstehen Sie jetzt nicht.


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