Kritik

People Are Strange: Exil als Lebensgefühl

Lexikon | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 51/09 vom 16.12.2009

Das Schauspielhaus hat sich der zeitgenössischen Dramatik verschrieben. Einmal pro Saison aber erlaubt man sich auch hier eine der derzeit so beliebten Romandramatisierungen. Nach Arno Geigers „Es geht uns gut“ und Vladimir Sorokins „Tag des Opritschniks“ steht nun Ilija Trojanows „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ auf dem Spielplan. In seinem 1996 erschienenen (und kürzlich verfilmten) Debütroman verarbeitet der bulgarisch-deutsche „Weltensammler“ die Geschichte seiner Flucht: Wie der Romanheld Alexandar war auch Trojanow mit seinen Eltern als Bub in den Westen geflohen. Das märchenhafte Buch ist eine Mischung aus Schelmenroman und Das-Leben-ein-Spiel-Parabel, der Autor wechselt die Tonlage ebenso ungezwungen wie Zeitebenen und Erzählperspektiven.

Regisseurin Daniela Kranz versucht nicht ernsthaft, den Roman nachzuerzählen; ihre Inszenierung hat einen offenen, fragmentarischen Charakter. Wer den Roman nicht gelesen hat, wird sich also schwer tun, den Überblick über Handlung und Figuren zu bewahren; doch darum geht es hier nicht. Thema des Abends ist Exil als Lebensgefühl – und zwar ohne dass das jemals explizit thematisiert würde. Eleganterweise verzichtet die Inszenierung fast vollkommen auf naheliegende Balkan-Zitate in Wort und Ton; unaufdringlich verweisen stattdessen Westernmotive in der Ausstattung (besonders hübsch: Steffen Höld als Lee-Van-Cleef-Lookalike) auf die unrealistischen Träume der Romanhelden. Papa Vasko (Christian Dolezal) klimpert dauernd auf einer E-Gitarre herum, „People Are Strange“ von den Doors ist sein Lieblingssong. Er ist das Leitmotiv einer Aufführung, die zwar etwas unfertig und fahrig wirkt, gerade darin aber eine Ahnung davon vermittelt, was es bedeutet, entwurzelt zu sein.

Schauspielhaus, Fr 20.00


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