Buch der Stunde

Ulrich Rüdenauer | Lexikon | aus FALTER 51/09 vom 16.12.2009

Mit seiner Temperatur von 37 Grad, so beschreibt es Alexander Kluge, erinnert sich der Körper noch heute an die Temperatur der Urmeere; jeder Mensch trägt ein paar Millionen Jahre Evolution mit sich herum. Auch die napoleonischen Kriege sitzen uns weiter in den Gliedern, ganz zu schweigen von Stalingrad – oder von Halberstadt, wo Kluge im Jahre 1932 geboren wurde. Im Alter von 13 erlebte er den Bombenangriff auf die Heimatstadt. Mit kindlichem Ernst hielt er es 1945 für vollkommen ausgeschlossen, dass er selbst getroffen werden könnte. Seine größte Sorge galt der Frage, ob die Klavierstunde stattfinden würde. Kluge bezeichnet so etwas als „Antirealismus des Gefühls“: Gegen alle katastrophische Evidenz halten die Menschen am „Urvertrauen“ fest, der „Eigensinn“ setzt sich in ihnen gegen das augenscheinlich Zerstörerische zur Wehr.

Diese Eigenschaft bildet die Antriebsfeder im Werk Kluges, und in nüchterner Form verfolgt er sein enzyklopädisches Projekt einer Erkundung

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