TheaterKritik

„Die Glut“: Lohner lohnt sich doch

Steiermark | Hermann Götz | aus FALTER 51/09 vom 16.12.2009

Künstlerische Fragen treten in den Hintergrund, wenn es dem Grazer Schauspielhaus gelingt, nach Peter Simonischek und Udo Samel nun Helmuth Lohner als Gast zu gewinnen. Lohners Auftritt als Henrik im dramatisierten Sándor-Márai-Roman „Die Glut“ ließe sich als späte Offenbarung eines Charakterdarstellers deuten. Oder als Fehltritt eines alternden Komödianten, der in der Provinz Gelegenheit zur Selbstüberschätzung bekommt. Beides kann man argumentieren: durch Texthänger und unfreiwillige Komik. Aber auch durch genialische Momente einer Interpretation, wie sie in Graz lange nicht zu sehen war.

Die Schönheit dieses Abends ist ohnehin anderswo zu suchen: in der unfreiwilligen Melancholie der Schauspielerbiografien im Programmheft etwa (an Lohners Seite sind Gerti Pall und Gerhard Balluch zu erleben), die detailliert Silberne und Goldene Ehrenzeichen auflisten. Im unterdrückten Husten, das den Abend hindurch das Parkett erfüllt. Und in Lohners Vita, die mit Graz auf besondere Weise verbunden ist: Er gab hier 1964 den Hamlet, als das Schauspielhaus nach mehr als zehn Jahren Zwangspause seine Wiedereröffnung feierte. Nun gibt er einen alten Mann, der sein ganzes Versagerleben, auf einen Augenblick der Aussprache fokussiert hat. Wir erleben diesen Augenblick, doch die Unterredung fördert nicht mehr zutage, als die schonungslose Rückschau auf die sinnlosen Jahre des Wartens. Es ist ein erschütterndes Manifest des Scheiterns. Und wir erleben Helmuth Lohner, der in mancher Szene ebenfalls scheitert. So kunstvoll und so routiniert allerdings, dass das dieser Rolle sogar eher entspricht, als die von ihm erwartete Perfektion.

Schauspielhaus Graz, Mi 19.30


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