Kritik

Wovon Tischdecken und Wandteppiche erzählen

Lexikon | Manisha Jothady | aus FALTER 52/09 vom 23.12.2009

Als „inlaid patchwork“ kennt sie der Angelsachse von jeher. Im deutschsprachigen Raum dagegen suchte man lange nach einer geeigneten Bezeichnung für jene aufwändige und seltene textile Technik, bei der gewalkte Wolle in Teile zerschnitten und mit nahezu unsichtbaren Stichen zu detailreichen Bildern vernäht wird. Die Ausstellung „Tuchintarsien in Europa von 1500 bis heute“ öffnet mit 30 Originalexponaten ein bislang weitgehend unbeachtetes Kapitel der Kunstgeschichte. Die Exponate stammen vor allem aus Mitteleuropa, Skandinavien und dem angelsächsischen Raum, gelangten später oft nach Australien und in die USA. Manche Objekte lassen auch persische und osmanische Einflüsse erkennen.

Fertigten im Mittelalter vor allem Klosterwerkstätten Altarbehänge und anderen religiösen Zwecken dienendes Stoffwerk an, so wurden Tuchintarsien in den folgenden Jahrhunderten oft für den alltagskulturellen Gebrauch hergestellt. Tischdecken und Wandteppiche für festliche Anlässe zu gestalten, galt Damen aus höheren Kreisen als beliebter Zeitvertreib. Repräsentative Pferdedecken, Wappentücher und Schulterklappen für das Militär wurden dagegen in spezialisierten Schneiderwerkstätten produziert.

Die motivische Bandbreite reichte vom rein ornamentalen Design über privatmythologische und biblische Darstellungen. Historisch bedeutende Ereignisse waren ein ebenso bedeutender Fundus wie Szenen des Alltags.

Durch den Fortschritt der Textilindustrie geriet das traditionelle Kunsthandwerk vielfach in Vergessenheit. Die Künstlerin Ursel Arndt ist eine von wenigen, die sich die Technik angeeignet hat und sie mit dem zeitgenössischen Bildprogramm der Streetart verbindet. Ihr „Stückwerk Berlin – Stückwerk Europa“ gibt den Auftakt zu dieser sehenswerten Schau, die so viel von vergangenen Lebenswelten zu erzählen hat.

Museum für Volkskunde, bis 14.3.


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