MusiktheaterKritik

Stefan Herheims intensive „Rusálka“-Deutung

Steiermark | Herbert Schranz | aus FALTER 52/09 vom 23.12.2009

Mythologische Stoffe wie das slawische Rusálka-Thema brauchen auf der Bühne Interpretation, wenn sie nicht tote Folklore bleiben sollen. In der Produktion von Antonín Dvoráks Oper „Rusálka“ (1900) sieht der norwegische Regiestar Stefan Herheim (39) die Titelheldin (Gal James) realitätsbezogen als verführerische Prostituierte. Archetypisch ist sie ein nixenartiger Wassergeist. Wie Homers Sirenen lockt Rusálka und tötet die Verführten, durch die allein die Nixe/Hure eine Seele bekommen könnte.

Nur der Blick, der durch ihr mondartig reflektierendes Äußeres hindurch ihre angelegt sehnsüchtige Seele erkennt, könnte ihr und sich selbst Erlösung bringen. Das aber ist einer Männerwelt verschlossen, aus der sich – nicht von ungefähr – Wilhelm Reichs psychoanalytische Patienten rekrutierten. Zwar fühlt der Wassermann (Gustáv Beláek) in der lunaren Wasserwelt eine diffuse, unwiderstehliche Anziehung zu Rusálka, diese kann sich aber in der solaren Alltagswelt nicht bewähren, in der er als nicht abschüttelbarer Schatten des seemännischen Prinzen (Maxim Aksenov) eine Doppelexistenz führt. Diesen Einfall einer vereinheitlichten, in zwei Bühnencharaktere gespaltenen Persönlichkeit setzte Herheim mit „seinen“ Sängern in aufsehenerregender Weise um. Nicht Rusálka, sondern der Wassermann wird bei ihm von der Hexe Je¾ibaba (Dubravka Musovic) in einen Trank getaucht, der seine und also Rusálkas Wandlung bewirken soll. Umsonst.

Tadellos setzt das Sängerteam bis in Nebenrollen hinein Herheims minutiös durchgearbeitetes Konzept um und überzeugt dabei auch stimmlich. Großartig passt der lyrische, dosiert dramatische Sopran von Gal James auf die Rolle der Rusálka. Die Grazer Philharmoniker spielen unter Johannes Fritzsch leider nur einen bescheidenen Part.

Grazer Oper, 27.12. 18.00; 8. und 13.1., 15.00


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