Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 52/09 vom 23.12.2009

Goodbye Lenin

Lenin mit Kindern hatten wir schon gehabt, vor zehn Jahren. Das fanden die Trafikanten nicht lustig und hängten den Falter nicht hinaus. Nur ein japanisch-pornografischer Holzschnitt mit einem riesigen erigierten Glied drauf löste einen ähnlichen Boykott aus. Nun aber, am Ende des Ostblocks, verstand man uns richtig, es geschah nichts dergleichen. Im Editorial schrieb ich zum Schluss eine „Trilogie der Abschiede“ über Wiener Geräte.

„Irgendwann fiel jemandem bei der Bank etwas ein. Was ist eine Dienstleistung ohne Freundlichkeit, dachte er und ordnete an, der Automat solle grüßen. Der tat dies eines Tages unvermittelt, mittels der Leuchtschrift ‚Guten Tag‘, was zur Folge hatte, dass ich, dessen nicht gewahr, meinen Code schon zur Hälfte eingetippt hatte, der nun natürlich mit der dritten statt mit der ersten Ziffer begann, was der Apparat aber nicht verstand, da er noch dabei war, mich zu begrüßen.

Der Vorgang musste abgebrochen und wiederholt werden, und seither habe ich zu warten, bis der Automat geruht, mit seiner Begrüßungsformalität zu Ende zu kommen. Die Freundlichkeit der Bank stiehlt mir die Zeit. Darin steckt ein Moment jenes Wiener Widerstands gegen allzu glattes Funktionieren. Erst jetzt ist der Bankomat ein Wiener Bankomat geworden.

Es gibt aber Geräte, von denen wir uns verabschieden müssen, obwohl sie sich wunderbar ins Stadtbild einfügen. Entsinnen Sie sich jenes sonnigen Sommermorgens 1989, als mir zwischen den Geranien eines Schanigartens und der Hauswand auf dem Gehsteig erstmals der Dogofant erschien? Ich habe ihn an dieser Stelle enthusiastisch begrüßt, dieses schlichte Motorrad mit Staubsauger, dessen Bestimmung im Auflesen der Hundstrümmerl lag.“

Er wurde wieder abgeschafft, „deshalb gilt an der Schwelle des neuen Jahrzehnts, wehen Sinns, mit Kot an der Sohle, doch mit zarter Hoffnung auf ein Wiedersehen ihm, dem Dogofanten, unser letzter Abschiedsgruß“. AZ


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