Kommentar

Der Bahnhof mit integrierter „Schleicht’s euch“-Architektur

Architektur

Falter & Meinung | Jan Tabor | aus FALTER 52/09 vom 23.12.2009

Wer mit dem Zug von Bratislava ankommt oder nach Györ abfährt, erfährt schon beim Anblick des Bahnhofsgebäudes, was Wien von den Ostmenschen hält. Als „Schleicht’s euch, ihr G’fraster“-Architektur kann man die Semiotik des provisorischen Südbahnhofs wohl am besten beschreiben.

300 Meter entfernt von der S-Bahn-Station am Gürtel haben die Manager der ÖBB schnell ein neues Bahnhofsgebäude errichten lassen, das als mustergültiges Beispiel für „sprechende Architektur“ dienen könnte. Die Gestaltung teilt deutlich mit, wozu das Bauwerk bestimmt ist. Und was es von den Menschen hält, die hinein müssen.

Der neue provisorische Ostbahnhof wird vom naheliegenden Arsenal, der Ruhmarchitektur der österreichischen Kriegsführer, geprägt. Die provisorische Station ist eine Art Feldbahnhof, vergleichbar mit den Feldlazaretten aus dem Ersten Weltkrieg. Ohne allerdings deren praktische und obskure Ästhetik zu erreichen.

Vielmehr handelt sich hier um eine zusammengeschusterte Anhäufung von leicht adaptierten Standardbaucontainern unter einem Blechdach, in denen das Allernötigste untergebracht wurde.

Es gibt ein „Wartezimmer“ mit zwei Sitzbänken à fünf Sitze, es ist circa 20 Quadratmeter groß und stets überfüllt. Im „Bahnzentrum“ arbeiten zwei genervte und entsprechend unfreundliche ÖBB-Beamte, die an Klaustrophobie zu leiden scheinen. Zumindest ist eine ausreichend groß bemessene, aber überaus unwirtliche Kloanlage vorhanden.

In der Wartezeit für den Zug nach Bratislava zähle ich die aus diesem Feldbahnhof abgefertigten Züge: 200 am Tag.


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