Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Die beste Übersetzerin der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 52/09 vom 23.12.2009

Gnade ist eine pralle Matratze

Das Elefantenbaby kam dann ganz zum Schluss hinterhermarschiert. Die Rede ist nicht von „Colonel Hathie’s Parade“ aus Disneys „Jungle Book“, sondern von der im heurigen Herbst erschienenen Übersetzung von Dostojewskijs Roman „Der Spieler“. Im selben Jahr war „Verbrechen und Strafe“ erschienen, der erste Elefant, dem noch weitere vier folgen sollten: „Der Idiot“, „Böse Geister“, „Ein grüner Junge“ und „Die Brüder Karamasow.“

„Die Frau mit den 5 Elefanten“ heißt ein Dokumentarfilm von Vadim Jendreyko. Er war im Oktober bei der Viennale und vergangene Woche noch einmal im Rahmen einer Weihnachtsgala zu sehen gewesen und zählt zu den beeindruckendsten Filmen, die 2009 ins Kino kamen.

Das hat naturgemäß mit der Titelheldin zu tun, deren Verdienste um die russische Literatur, allen voran die Dostojewskijs, dessen große Romane sie im Laufe der letzten 20 Jahre neu übersetzt hat, unbestritten sind.

Swetlana Geier, die 1943 ihre Geburtsstadt Kiew verließ, wo ihr Vater als Opfer von Stalins Terror starb, kam zunächst in ein Arbeitslager in Dortmund und zog bald nach Freiburg.

Der Film zeigt Geier als unglaublich agile, disziplinierte und freundliche Frau in der Schar ihrer Familie, die mehr mit Kochen und Bügeln als mit Übersetzen beschäftigt scheint. Sie bereitet das Essen für ihren Sohn zu, der im Spital im Sterben liegt, und wird von ihrer Enkelin in ihre Geburtsstadt begleitet, in der sie 65 Jahre lang nicht gewesen ist.

Leise, aber eindringlich und klug spricht Geier über das Übersetzen und dessen Aporien: Wie das russische milost, ein „wohltätiges Wort“, im Deutschen eben keine echt adäquate Entsprechung habe, weil „Gnade“ wie eine „pralle Matratze“ sei. Dass Übersetzen keine einsame Tätigkeit sein muss, wird in der Szene mit einem hyperpedantischen, semikolonophilen Musiker ersichtlich, die unglaublich komisch ist – reinster Loriot! Und jetzt, liebes Christkind, schau gefälligst, dass der Film einen Verleih kriegt! #


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