Doris Knecht

Auch meine Nullerjahre sind jetzt definitiv vorbei

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 52/09 vom 23.12.2009

Wann immer jemand in unserem Haus die Stimme erhebt, wird alles gestoppt, egal, was wir gerade machen. Time-out sage ich. Du hast etwas auf dem Herzen, nimm dir ein paar Minuten und rede mit mir.“ So ist das bei uns nicht. So ist das, jedenfalls berichtete das André Agassi kürzlich dem Kurier, bei den Graf-Agassis in Las Vegas. Wenn in unserem Haus jemand die Stimme erhebt, kommt gleich einer gelaufen und brüllt mit, um auf diese Weise seinen eigenen Ärger über was auch immer loszuwerden. Zu Spitzenzeiten brüllen vier Leute gleichzeitig.

Tagesanbrüche haben gute Anlagen, Spitzenzeiten zu sein, wobei meistens ich die Erste bin, die ihre Stimme erhebt, denn nach all den Jahren kapiert meine Familie noch immer nicht, dass, wer dauerhaft mit mir auskommen will, mich frühmorgens nicht anspricht. Nicht ansingt. Nicht einmal anschaut. Nicht seinen Kakao auf mein Kissen schüttet. Sich nicht darüber beschwert, dass in seinem Adventkalendersackerl schon wieder die ganz falschen Pickerln drin waren. Mir nicht irgendeine abseitige Meldung aus der Zeitung vorliest und einen launigen Kommentar erwartet. Mich nicht aus der Dusche holt, um mich einen Gürtel suchen zu lassen. Mich nicht fragt, was ich abends essen oder kochen will. Mit mir nicht über die Autoversicherung spricht, die Gasrechnung oder einen Heftumschlag, den ich jetzt gefälligst endlich besorgen soll. Mich keine Fäden einfädeln lässt und mich nicht um Hilfe bei Häkelarbeiten bittet. Mich nicht anmotzt, weil ich schon wieder das ganz falsche Gewand herausgelegt habe und Schinken statt Salami in das Jausenbrot tue. Mich nicht fragt, wie viel kalt es heute eigentlich wird oder ob man noch schnell einen Film auf Youtube anschauen darf.

Auf all diese Dinge reagiere ich ab, sagen wir, elf, aufgeschlossen und gelassen, doch wer in der Früh gegen mehr als zwei meiner Gebote verstößt, muss mit einer Dezibelerhöhung rechnen, angesichts derer man bei Agassis sofort die Cops rufen würde. Natürlich ist das meiner rücksichtslosen Brut völlig wurscht und lässt mich unter vier Verstößen und ohne Gebrüll keinen Tag beginnen. Dankeschön. Aber so ist das bei uns offenbar.

Und bei uns läuft es auch nahrungsaufnahmetechnisch etwas anders als bei Agassis, wo Steffi, so erzählt André, streng auf Ausgewogenheit achte. „Die Kinder dürfen nach einer Pizza nur Proteine und Gemüse essen. Zwei Kohlehydratemahlzeiten hintereinander sind nicht erlaubt.“ Ja. Und ich bin sicher, wenn Steffi ihre mütterliche Autorität verströmt, hat das auf ihre Familie die vorgesehene Wirkung. Auf meine nicht, aber daran werde ich jetzt arbeiten, denn auch meine Nullerjahre sind jetzt vorbei, ja, definitiv. Wünschen Sie mir also bitte ein schönes, erfolgreiches, respektgeladenes neues Jahr voller friedlicher Morgen im Kreise einer liebenden, kuschen Familie, ich wünsche es Ihnen auch.


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