Kritik

Die erweiterten Denkräume von Kieslers Erben

Lexikon | aus FALTER 02/10 vom 13.01.2010

Schwarzweißfotografien, die wie dünne Membranen in Holzgestelle eingespannt sind: Sie zeigen eine endlos anmutende verschachtelte Treppenkonstruktion ohne erkennbaren Anfang oder Ende. Ebenso wenig wie auf konkrete räumliche Dimensionen lassen sich diese Ansichten auf die Tatsache festlegen, ob sie eine gegebene oder konstruierte Situation festhalten. Nur durch die unterschiedlichen Lichtsituationen kommt in den Bildern Zeitlichkeit ins Spiel.

„Passages Through (The Unfinished Monument)“ nennt das Amsterdamer Künstlerinnen-Theoretikerinnen-Kollektiv Public Space With a Roof (PSWAR) diese Installation. Die Fotografien – großformatig ausgeplottete Kontaktabzüge, zeigen die Windungen eines Modells, das die Gruppe für ein nicht realisiertes Museumsprojekt angefertigt hat. In Form einer Möbiusschleife und über drei Etagen sollte es die Besucher an Exponaten des KIASMA Museum in Helsinki vorbeiführen.

Die fotografische Umsetzung suggeriert jene dynamische Raumvorstellung, von der einst der Künstler, Bühnenbildner und Architekt Friedrich Kiesler als fortlaufendem Bewegungsfluss sprach. Sein nie gebautes „Endless House“ steht Pate für dieses Projekt. Als lebendigen, sich ständig veränderbaren Organismus hatte Kiesler sein variabel gestaltbares Einfamilienhaus vor Augen. Geblieben ist die Utopie eines sämtliche Grenzen sprengenden Raumkonzepts. Als Denkmodell dient es neben PSWAR auch anderen Künstlern als Inspiration, die an der Schnittstelle unterschiedlicher Disziplinen sowie an jener von Theorie und Praxis arbeiten. MJ

Kiesler Stiftung, bis 26.2.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige