Neu im Kino

Terry Gilliam entführt ins Kabinett des Dr. Parnassus

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 02/10 vom 13.01.2010

Das Nadelöhr dieses Films ist ein unscheinbarer Spiegel, der mitten auf einer altertümlichen, fantastisch dekorierten Wanderbühne steht. Neben ihm sitzt ein in sich versunkener Greis, während seine drei Gefährten – seine Tochter, sein Lehrling und ein Zwerg – mit dem herbeigelockten Publikum allerlei Schabernack treiben. Doch Vorsicht! Wer durch den wunderlichen Spiegel schreitet, bekommt dahinter seine ersehnte, aber ebenso schreckliche Welt dargeboten.

Mit „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ (im Original: „The Imaginarium of Doctor Parnassus“) ist Terry Gilliam, ein Wanderer zwischen den atlantischen Welten, nach England zurückgekehrt, doch das viktorianische London, in dem man sich zu Beginn wähnt, wird bald von der realen Gegenwart ebenso wie von der geheimnisvollen Parallelwelt durchsetzt.

Denn Dr. Parnassus (weiser Buddha: Christopher Plummer) hat einen Pakt mit dem Teufel (eitler Geck: Tom Waits) geschlossen und muss, um sein eigen Fleisch und Blut zu retten, in wenigen Tagen eine Handvoll Seelen durch seinen Spiegel ins Jenseits schicken.

Natürlich ist das nur Vorwand für eine absonderlich-groteske Reise, die als Bilderbuch in mehreren Kapiteln daherkommt, zugleich aber auch als wunderschöne Parabel über das Kino selbst funktioniert – vom somnambulen Cesare aus dem Kabinett des Dr. Caligari bis zu den aktuellen dreidimensionalen Aufdringlichkeiten.

Als letzter Film Heath Ledgers passt „Doctor Parnassus“ ebenfalls hervorragend, und nicht nur, weil der während der Dreharbeiten Verstorbene dramaturgisch einwandfrei von den Kollegen Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell ersetzt wurde. Als undurchschaubarer Retter verschwindet seine Figur plötzlich wie im Kino auf Nimmerwiedersehen in einer utopischen Welt.

Weiterhin in den Kinos (OF im Artis)


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