Theater Kritik

Beckett & Jandl – bei Ernst M. Binder zuhause

Steiermark | aus FALTER 02/10 vom 13.01.2010

Herr Hartmann zum Beispiel hat seine erste Saison am Burgtheater mit Voss, Moretti und Goethes „Faust“ eröffnet. Keine Frage, das war ein Statement. Auch Ernst M. Binders Eröffnungsinszenierung für seinen neuen, seinen ersten festen dramagraz-Standort, die nun wiederaufgenommen wird, ist eine Ansage: Musik von Josef Klammer, ein nackter Rudi Widerhofer, ein Stück Monolog von Samuel Beckett. Bei den Tönen und Bildern, mit denen Binder den neuen Raum erstmals füllt, konzentriert er sich ganz auf das, was schon seit mehreren Jahren als sein künstlerisches Kernanliegen gilt: das Nachspüren der von Dunkelheit und Stille umfangenen Worte. Becketts „A Piece of Monologue“ – eine kurze Bühnenrede aus Satz- und Gedankenfetzen, die sich am Ende eines Lebens vor dem Verstummen verstecken – ist dafür wie geschaffen.

Dem Weiterreden, Weiterschreiben, dem Ringen nach Worten ist auch der zweite Teil des Abends gewidmet: Mit erweitertem Kernensemble – Werner Halbedl, Ninja Reichert und Rudi Widerhofer werden von Claudia Hansl unterstützt – setzt Binder eine lockere Interpretation von Ernst Jandls Sprechoper „aus der fremde“ auf die Bühne. Die Unentschlossenheit ist Programm in diesem zur Gänze im Konjunktiv verfassten Text über den Tag eines mit sich, der Welt und dem Schreiben ringenden Dichters. Jandl tönt hier verzweifelt wie selten, Binder lässt sein Ensemble trotzdem Komödie machen – wenn auch eine todtraurige. Inszeniert wird so ein Balanceakt, der ohne billige Brüche über den schmalen Grat zwischen Humor und Verzweiflung führt. Und den Blick freigibt auf die Kunst dreier bemerkenswerter Darsteller. HG

dramagraz, Mi, Do 20.00


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