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Politik | Wolfgang Zwander | aus FALTER 02/10 vom 13.01.2010

Demokratie? Liberale Oligarchie!

Das Nuller-Jahrzehnt beraubte die westliche Welt vieler Gewissheiten. Vor zehn Jahren glaubte die Mehrheit noch an die große Erzählung von liberaler Demokratie und gezähmter Marktwirtschaft. Heute klingt das wie ein müder Witz. Wer fühlt sich noch vertreten von „seinen“ Abgeordneten? Wer glaubt noch an die unsichtbare, wohltätige Hand des Kapitalismus? Eine Minderheit.

Was tun? Fürs Erste könnte man Literatur zur Hand nehmen, die den Istzustand unseres politischen Systems analysiert. Der leider viel zu unbekannte Cornelius Castoriadis schrieb gleich mehrere Werke, die sich dieser Aufgabe widmen.

Im vorliegenden Buch „Autonomie oder Barbarei“, dem ersten Band einer Reihe gesammelter Schriften, behandelt er seinen frühen Bruch mit dem „bürokratischen Marxismus“, dem er bereits abschwor, als Sartre noch Stalin verteidigte. Unsere heutige Gesellschaftsform hält Castoriadis für keine „liberale Demokratie“, sondern allenfalls für eine „liberale Oligarchie“.

Der Franzose mit griechischen Wurzeln argumentiert, dass eine Demokratie einen autonomen „Demos“ brauche, wovon in unserem politischen System keine Rede sein könne. Er sieht den Staat in der Hand von Unternehmen und Parteien, deren Strukturen ihn an die Mafia erinnern. Als Castoriadis 1997 in Paris verstarb, betitelte die Zeitung Le Monde seinen Nachruf mit den Worten „Titan des Geistes“.

Cornelius Castoriadis: Autonomie oder Barbarei, Bd. 1, 2006, Edition AV, 221 S., € 17,–


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