Kritik

Reden ist Silber: Szenen einer Ehe

Lexikon | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 03/10 vom 20.01.2010

Schattentheater aus Norwegen

In den Stücken des norwegischen Autors Jon Fosse werden nicht viele Worte verloren. Und wenn seine Figuren doch einmal den Mund aufmachen, dann oft nur, weil Schweigen noch peinlicher wäre. Einerseits ist Fosse also ein realistischer Autor. Andererseits haben seine Texte aber auch etwas Surreales, Traumartiges. Das kurze Stück „Todesvariationen“ etwa ist nur auf den ersten Blick ein normales Beziehungsdrama. Eine junge Frau hat Selbstmord begangen; ihre Eltern, die längst getrennt sind, haben sich auch angesichts der Tragödie nichts mehr zu sagen. Gleichzeitig spielt ein jüngeres Schauspielerpaar Szenen dieser gescheiterten Ehe.

„Todesvariationen“ (Bochum 2005) ist die unspektakulärste, aber auch beste jener fünf Inszenierungen, die der neue Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann nach Wien mitgebracht hat. Die Schauspieler stehen in einer weißen Box und werden von einem an der Rampe montierten, fahrbaren Scheinwerfer angestrahlt, der riesige Schatten an die Wand wirft. Der nette junge Mann, zu dem sich die Tochter so hingezogen fühlt, ist übrigens der Tod persönlich. „Jedermann“ auf Norwegisch, nur ohne Moral-Message. Außer vielleicht dieser: Ein bissl mehr reden könnten die Leute miteinander.

Akademietheater, Mi 20.00


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige