Kritik

Sprachkunst im Beiboot des Christoph Kolumbus

Lexikon | Bettina Hagen | aus FALTER 03/10 vom 20.01.2010

Joachim J. Vötters dritter Bühnenstreich im 3raum-Anatomietheater ist der chauvinistischen Anmaßung spanischer Welteroberung gewidmet. Mit Hubsi Kramar als Regisseur, Andreas Patton als Christoph Kolumbus und einem sprach- und tonverliebten Ensemble wurde die unnachahmliche „Verdichtungslust“ des Autors kongenial umgesetzt. Im Zentrum von „Der Weltintendant“ steht die Übersetzung des Beiboots der spanischen Santa Maria: Kurz vor der Überbringung von Heils- und sonstigen Versprechungen der Alten in die Neue Welt werden die rhetorischen Messer nochmals gewetzt. Und während der Kapitän trotzdem in Selbstzweifel abdriftet, versuchen die Vertreter von Kirche und Staat, der Aktion ihren eigenen Anstrich zu geben. Dabei leisten die rudernden Sträflinge die eigentliche Arbeit, und es stellt sich heraus, dass für den Fall des Scheiterns der Protagonisten dieses schwankenden „Welturauftritts“ mittels doppelter Buchführung und in Form eines zweiten Boots mit Schauspielern vorgesorgt wurde. Vötters zunehmend komödiantische Sprachkunst ist bestrickend und lässt einen ganz vergessen, dass man so nebenbei verfolgen durfte, wie „Verbrechen und Idiotie (…) die alte Welt in den Sand gesetzt haben“.

3raum-Anatomietheater, Fr, Sa, Mi, Do 19.30 (bis 30.1.)


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