Kritik

Reisen durchs Ich und durchs Andere

Lexikon | Manisha Jothady | aus FALTER 03/10 vom 20.01.2010

Der Begriff des Fremden ist das Passepartout der Moderne. Schon Künstlern wie Picasso und Gaugin galt das Exotische als Zauberworte für Ursprünglichkeit und Reinheit. Was die europäische Kultur einst an Innovation aus dem sogenannten Primitivismus saugte, rückt heute vor allem als Frage nach der Übertragbarkeit von kulturell spezifischen Ästhetiken und nach dem Umgang mit Klischees in den Vordergrund.

Die Aneignung des Fremden, aber auch das Ergründen des Unbekannten im Selbst ist Thema der Ausstellung „Forschungsbericht“. Johannes Wohnseifer zeigt in einer Fotoserie Zeitschriftencover und Bildbandseiten, die unseren stereotypen Blick auf den „schwarzen Kontinent“ entlarven. Ähnlich Till Eulenspiegel reist der Protagonist in Olaf Breunings Video durch exotische Orte der Welt. Christian Mayer zeigt anhand historischer Bühnenkulissen, wie man sich Amerika im 18. Jahrhundert vorgestellt hat. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten rückte schon damals idealisiert ins Bild.

Das eigene Denken und Handeln untersucht dagegen Nicolas Jasmin in Notiz-Buch-Collagen. Spuren der eigenen Familiengeschichte folgt Michael Huey und stößt dabei auf kuriose Details: auf die feinsäuberlich gestapelten Büroutensilien seines Großvaters setzt der Künstler jene Schachtel, in der einst die Asche seiner Großmutter von Übersee nach Europa reiste.

Kritisch, ironisch, mitunter rein formal nähern sich die Protagonisten dieser Schau dem Fremden, wo auch immer sie es vorfinden, an. Dabei fühlt sich der Betrachter nicht selten auf die eigenen Vorurteile und Unsicherheiten zurückgeworfen.

Coco, bis 23.2.


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