Neu im Kino

Clouzots „Inferno“ mit Romy Schneider

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 03/10 vom 20.01.2010

Eine nackte Romy Schneider liegt gefesselt auf den Schienen einer Eisenbahnbrücke, eine Dampflok rollt durch die wabernde Sommerluft auf sie zu: Was wahlweise wie der feuchte Traum eines Sisi-Fetischisten oder ein Lehrbuchbeispiel für phallisch-sadistische Kamerablicke ausschaut, gehört noch zu den weniger irren Filmfundstücken, die in Serge Brombergs und Ruxandra Medreas Doku „Inferno – L’enfer d’Henri-Georges Clouzot“ erstmals öffentlich zu sehen sind.

Dem arrivierten Genrefilmer Clouzot („Lohn der Angst“) geriet 1964 das Eifersuchtsdrama „L’enfer“, besetzt mit Schneider und Serge Reggiani, zum Fiasko: Bald nach der Flucht des Hauptdarstellers erlitt Clouzot am Set einen Herzinfarkt, der das künstlerisch ambitionierte Projekt vorzeitig beendete.

In „Inferno“ bemühen sich Medrea und Bromberg in Interviews mit Mitarbeitern von einst um eine Rekonstruktion des desaströsen Drehs: Ungleich faszinierender als der Backstage-Tratsch und Mutmaßungen über Clouzots innere Dämonen ist indes das überlieferte Material, das entlang von Clouzots Drehbuch behutsam ausgebreitet wird: Während die regulären Spielszenen um die Ehe des von Eifersucht besessenen Marcel den „französischen Hitchcock“ auf der Höhe seiner pedantischen Inszenierungskunst zeigen, tut sich in den uferlosen Aufnahmen für Marcels Wahnfantasien ein veritables Lexikon psychedelischer Bildeffekte zwischen Op-Art und Kinoavantgarde auf: Überblendungen, Verzerrungen, Stakkato-Zooms, elektronisch verfremdete Dialoge, und mittendrin Romy Schneider, blaugrün angemalt im Badeanzug oder mit Glitzer bedeckt und neonbunt illuminiert. Film ist – ein schillernder Scherbenhaufen.

Ab Fr im Gartenbaukino (OmU)


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