Neu im Kino

„Defamation“: spannende Antisemitismusforschung

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 03/10 vom 20.01.2010

Weil Michael Moore ja wohl nicht der Einzige ist, der das Recht hat, blöd nachzufragen, macht sich in „Defamation“ der israelische Dokumentarist Yoav Shamir („Checkpoint“) auf eine Forschungsreise mit täuschend simpler Fragestellung: Was bedeutet Antisemitismus heute, und wie verbreitet ist er wirklich?

Das Ergebnis ist ein manchmal unbeholfener, meist spannender, vor allem aber im besten Sinne zerfledderter Film, in dem sich eben etablierte Standpunkte gern als unzuverlässig erweisen. In New York, zum Beispiel, tut Shamir zuerst scheinnaiv überrascht, wenn ihm die Mitarbeiter der jüdischen Anti Defamation League trotz hysterischer Warnungen keine konkreten antisemitischen Übergriffe präsentieren können, sondern nur vage Verdächtigungen: alles bloß Paranoia? Aber kaum ist der Filmemacher auf der Straße in Brooklyn mit Afroamerikanern ins Gespräch gekommen, die sich in der Nachbarschaft einer orthodoxen jüdischen Gemeinde sozial benachteiligt fühlen, da kramt einer der Befragten unaufgefordert die Protokolle der Weisen von Zion aus der verschwörungstheoretischen Mottenkiste.

Durchaus deftig polemisiert „Defamation“ gegen die Instrumentalisierung des Antisemitismusverdachts zur Abwehr politischer Kritik an Israel. An der sehr konkreten alltäglichen Existenz antisemitischer Denkmuster lässt der vom Österreicher Knut Ogris coproduzierte Film trotzdem keine Zweifel: Hierzulande, wo man mit dem Erdichten von „Exil-Juden“ nach wie vor politisches Kleingeld kassieren kann, wirkt dieser Befund ungleich dringlicher als Shamirs süffisante Beobachtungen zu zionistischem Lobbying oder israelischem Holocaust-Gedenktourismus.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Admiral)


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