Kommentar

Das Cannes-Déjà-vu: „Wir“ sind auch nicht Golden Globe

Filmland Österreich

Falter & Meinung | Joachim Schätz | aus FALTER 03/10 vom 20.01.2010

Würde Christoph Waltz inzwischen keine schmucke Gesichtsbehaarung tragen (in Kürze gibt er für David Cronenberg Sigmund Freud), man könnte die Szenen von Sonntagnacht in Los Angeles für ein Bombast-Remake der Preisverleihung der Filmfestspiele von Cannes im Mai halten: Der gebürtige Wiener Waltz wurde damals für seine polyglotte Virtuosenpartie als charismatischer Nazi Landa in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ mit dem Darstellerpreis prämiert, jetzt bei den Golden Globes mit dem Nebendarstellerpreis.

„Das weiße Band“, die „deutsche Kindergeschichte“ des Österreichers Michael Haneke erhielt damals die Goldene Palme, nun den Goldglobus für den besten nicht englischsprachigen Film des Jahres. Die Reaktionen österreichischer Würdenträger sind so absehbar wie unvermeidlich. Um diverse Aufwallungen von Nationalstolz in sinnvolle Richtungen zu lenken, sei noch einmal daran erinnert, was „unser Oscar“ Stefan Ruzowitzky im Mai festhielt: Die beiden Auszeichnungen zeigen vor allem, wie beschränkt die Ressourcen der hiesigen Filmproduktionslandschaft sind.

Der international renommierte Autorenfilmer Haneke findet seine Hauptproduzenten seit einer Dekade im Ausland. „Das weiße Band“ war dementsprechend als deutsche Einreichung bei den Globes. Und Waltz lebte die längste Zeit in London und Berlin, weil mit österreichischen Film- und Fernsehproduktionen allein kaum ein Unterhalt zu bestreiten ist. Der Fall Waltz ist darüber hinaus faszinierend: Wenn in diesem Mann so eine Performance steckt, wer kann dann sagen, welche Talente sonst noch durch „Tatorte“ und Dienstagabendlustspiele gondeln?


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