Gelesen

Bücher, kurz besprochen

Politik | aus FALTER 03/10 vom 20.01.2010

Hinter dem Lagerzaun

Zwei Realitäten sind in Europa entstanden: Die erste – die interne – basiert auf den Werten von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Die zweite – die externe – wirft im Namen des Schutzes der ersten diese Errungenschaften über Bord. Wie weit diese Entwicklung fortgeschritten ist, zeigt der italienischen L’espresso-Journalist Fabrizio Gatti. Als irakischer Kurde namens Bilal Ibrahim El Habib schleust er sich ins Asyllager von Lampedusa ein, wo er Gewalt und Erniedrigung erlebt. Davor reist Gatti als Wirtschaftsflüchtling quer durch die Sahara; nach der Erstaufnahme arbeitet er als Billiglöhner. Wie Nina Kusturicas Film „Little Alien“ in Österreich, führt Gatti in Italien eindrucksvoll jene zweite europäische Realität vor Augen, die mit der ersten immer weniger kompatibel scheint. Und doch gleichzeitig existiert.

Joseph Gepp

Fabrizio Gatti: Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa. Kunstmann, 512 S., € 24,90

Lang, lang ist es her

Viktor Klima gab dem Falter gerade ein Abschiedsinterview, als es über die Agenturen tickerte: Die EU habe „Sanktionen“ gegen Österreich verhängt. Das Bündnis zwischen der Haider-FPÖ und Wolfgang Schüssel würde dazu führen, dass diplomatische Kontakte reduziert würden. Sogar das Skifahren in Österreichs Alpen, so der belgische Außenminister Louis Michel, sei unmoralisch. Zehn Jahre danach stellen sich Wissenschaftler und Journalisten in einem von Martin Strauß und Karl-Heinz Ströhle klug editierten Sammelband die Frage, was die EU-Maßnahmen bewirkt hatten. Unter den Autoren befinden sich Doron Rabinovici, Michael Frank, Anton Pelinka und Falter-Redakteurin Nina Horaczek. Ein dokumentarisches Buch, das die anstehenden Gedenkfeiern zur schwarzblauen Wende einläutet. Florian Klenk

Strauß, Ströhle (Hg.): Sanktionen. 10 Jahre danach. StudienVerlag, 168 S., € 24,90


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige