Theater. Kritik

Wenn die Garage rockt: zwei Stücke zur Krise

Lexikon | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 04/10 vom 27.01.2010

Zur Eröffnung der Garage X hatte Co-Direktor Harald Posch den dramatisierten Geschäftsbericht eines Konzerns angekündigt. Das klang gut, weil ziemlich unvorstellbar, war aber nur ein Schmäh. Aus den Geschäftsberichten 2007 und 2008 des Mineralölkonzerns OMV werden in Poschs Inszenierung „Auf Basis der aktuellen Eigenkapitalerfordernisse von nur vier Prozent stellt dies kein Problem dar …“ nur ein paar Sätze zitiert. Der Abend ist eine aus verschiedenen Quellen (Kathrin Röggla, Martin Suter, Sachbücher) zusammengestellte Collage, in der die irre Welt der Manager auf jene einer konsumsüchtigen Frau und eines rumänischen Arbeiters prallt. Vier überdurchschnittlich gute Off-Schauspieler machen eine Stunde lang postdramatisches Theater nach Vorschrift; die epigonale, viel zu brave Aufführung ist wie Pollesch in Zeitlupe.

An die schrillen Diskurskomödien des Berliner Turbodramatikers René Pollesch erinnert auch die zweite Eröffnungsproduktion, „Vive la crise!“, von der Hamburger Regisseurin Angela Richter. Der Unterschied ist, dass ihre Inszenierung dem Vergleich standhält. Richter übersetzt das Krisenthema radikal auf die Theaterebene: Das Setting ist ein Tanzmarathon, die Schauspieler spielen zwar nicht um ihr Leben, aber um die Gage. (Wegen des beschränkten Produktionsbudgets haben sie beschlossen, dass einer von ihnen alles kriegen soll.) Der 80-minütige Abend ist eine Art Theatersportveranstaltung: Zwischen lässigen Tanzsequenzen wechseln die Schauspieler (Melanie Kretschmann und Jörg Ratjen aus dem Burgtheater sowie die kongenialen Darsteller Eva Löbau und Yuri Englert) auf Zuruf („Große Depression!“ oder „Wohin mit dem Hass?“) die Emotionen, einige Szenen werden auf Wunsch wiederholt. Die Krise hat ihre Form gefunden, die Garage rockt: „Vive la crise!“ ist der mit Abstand coolste und komischste Theaterabend, den die Stadt derzeit zu bieten hat.

Garage X, Fr 20.00 („Auf Basis …) bzw. Sa, So, Mi, Do 20.00 („Vive la crise!“)


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