Kunst.Kritik

Orte sinnlicher und tragischer Erfahrungen

Lexikon | aus FALTER 04/10 vom 27.01.2010

Peter Altenberg zog zum Wandern lieber Sandalen als Bergschuhe an, Theodor Herzl liebte es, mit dem Waffenrad durchs Salzkammergut zu fahren, und Sigmund Freud hatte bei Bergtouren immer seinen Flachmann dabei. Jüdische Intellektuelle wussten die heilsame Wirkung der Natur zu schätzen, das Gebirge galt vielen auch als geistige Kraftlandschaft. In den Schriften von Georg Simmel, Stefan Zweig und Béla Balázs wurden die Alpen Gegenstand literarischer wie philosophischer Auseinandersetzungen. Henry Sokal produzierte Bergfilmikonen wie „Der weiße Rausch“ und „Das blaue Licht“, bevor er nach der Machtergreifung der Nazis nach England emigrierte. Und eine Dame namens Eugenie Goldstern untersuchte als Erste die Alltagsästhetik im alpenländischen Raum.

„Hast du meine Alpen gesehen?“, fragt jene ungemein aufschlussreiche Ausstellung, welche die wechselvolle Beziehungsgeschichte der Juden zu den Alpen dokumentiert. Anhand von schriftlichen Zeugnissen, Plakaten, Gebrauchsgegenständen, Fotografien und Filmen erschließt sich die Bedeutung jüdischer Tourismuspioniere, Bergsteiger und Forscher. Hohenems, Innsbruck und Meran rücken als Orte alpiner jüdischer Gemeinden ins Licht, Graubünden und das Wallis als bevorzugte Urlaubsdestinationen.

In der Alpinismusbewegung sahen viele Juden eine Möglichkeit der Assimilation. Doch schon ab den 20ern wurden sie aus den Alpenvereinen und Skiverbänden ausgeschlossen. Die Faszination an der Bergwelt schlug während des Zweiten Weltkriegs und auch noch danach in eine ganz andere Erfahrung um: Wer über das Gebirge nicht flüchten konnte, fand hier sein Ende. MJ

Jüdisches Museum, bis 14.3.


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