Kunst.Tipp

Schäfchen im Wolfspelz und Busen am Bizeps

Lexikon | aus FALTER 04/10 vom 27.01.2010

Kampflustig ragt der auf einer zur Faust geballten Hand platzierte Stöckel eines Damenschuhs auf. Dass Birgit Jürgenssen die stillen den lauten Tönen vorzog, wie es in manchen Texten über die 2003 verstorbene Künstlerin heißt, lässt sich zumindest aus dieser Fotografie nicht herauslesen. Dass sie oft mit den Mitteln weiblicher Selbstironie arbeitete, allerdings schon.

Derart rebellisch aufbegehrend wie viele ihrer Zeitgenossinnen war Jürgenssen dennoch nicht. Wie subtil sie in ihrem Werk all das vollzog, was der Kunstbetrieb in den 90ern als Gender-Debatte aus den USA importierte, zeigen derzeit gleich zwei Ausstellungen. Einen Querschnitt durch drei Schaffensjahrzehnte bietet die Sammlung Verbund. 42 Arbeiten aus Jürgenssens Nachlass hat der Energiekonzern angekauft und zudem eine fast 300 Seiten starke Publikation herausgegeben, die der Künstlerin posthum den Weg in den internationalen Kunstbetrieb ebnen soll. Die Schau führt von den karikaturistischen „Hausfrauen-Zeichnungen“ hin zu Fotografien, in denen sich ihre Lust an der Maskerade und ihre generelle Experimentierfreudigkeit im Umgang mit dem Medium zeigen. Mit „Körperprojektionen aus den 1980er Jahren“ stellt die Galerie Hubert Winter jene Fotografien aus, für die sie unterschiedlichste Bilder auf verschiedene Stellen ihres Körpers projizierte. Der weibliche Körper erscheint hier als durchlässige Membran, die das Außen ebenso absorbiert wie ein Stück Innenwelt sichtbar zu machen scheint.

In der Zusammenschau beider Ausstellungen zeigt sich das vielseitige Spektrum einer Künstlerin, die mit Sinnlichkeit und Humor gesellschaftliche Unverhältnisse zu bewältigen suchte. In diesem Sinne war sie ihrer Zeit weit voraus. MJ

Galerie Hubert Winter, bis 6.3.

Vertikale Galerie Sammlung Verbund, bis 10.3.

(jeden Mi 18.00 gegen Voranmeldung)


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