Film.Retrospektive

Kelly Reichardt – Politik der kleinen Ausschnitte

Lexikon | aus FALTER 04/10 vom 27.01.2010

Man war eng befreundet, dann hat man sich ewig nicht gesehen, und jetzt weiß man sich trotzdem nichts zu erzählen. Mit einer gemeinsamen Wanderung zu einer heißen Quelle nahe Portland, Oregon, wollen der werdende Vater Mark (Daniel London) und der Drifter Kurt (Will Oldham) an frühere Zeiten anknüpfen – und verfestigen doch Wortwechsel für Blickwechsel vor allem die Kluft zwischen ihren Lebensentwürfen.

Im Kern ist Kelly Reichardts zweiter Langfilm „Old Joy“ (2006) eine Komposition für zwei Männer und einen Wald: eine Ballade in jenem sanften, unnachgiebigen (und versteckt witzigen) Tonfall, den Hauptdarsteller Oldham in seiner Countrymusik so famos beherrscht. Nebenbei hat Reichardt mit diesem Miniaturporträt richtungsloser, selbstgenügsamer Linksbohemiens aber eine allgemeine Befindlichkeit der Bush-Jahre im Visier.

Auch sonst verzahnen sich im Schaffen der 45-jährigen US-Regisseurin, das ab Freitag im Filmmuseum zur Gänze präsentiert wird, ausschnitthafter Impressionismus und politische Diagnose: Ihr bislang letzter Film, „Wendy and Lucy“ (2008), erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die mittellos in einer Kleinstadt strandet, so, dass darin – vielleicht eine Spur zu exemplarisch – eine ganze Kultur der ökonomischen Prekarisierung sinnlich wird. Neben diesen zwei gefeierten Arbeiten sind im Filmmuseum frühere Filme Reichardts zu entdecken, darunter ihr Debüt „River of Grass“ (1994), das Roadmovie-Mythen des Aufbruchs am uniformen Südflorida der Gegenwart bricht. Dass sie derzeit ihren ersten Western fertigstellt, ist für eine der präzisesten Landschaftsfilmerinnen im Gegenwartskino nur konsequent. JS

Im Österreichischen Filmmuseum, 29.1. bis 5.2.


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