Buch der Stunde: ein Tschechow-Buch als Bibliothek

Erich Klein | Lexikon | aus FALTER 04/10 vom 27.01.2010

Nachdem sie zum ersten Mal miteinander geschlafen haben, fahren Dmitri Dmitritsch Gurow und Anna Sergejewna von Diederitz, die Protagonisten von Anton Tschechows Erzählung „Die Dame mit dem Hündchen“, im Morgengrauen zu einem Dorf bei Jalta, das Oreanda heißt. Dort setzen sie sich auf eine Bank und blicken aufs Meer hinunter. „Kein Blatt rührte sich an den Bäumen, die Zikaden sangen, und das eintönige, dumpfe Rauschen des Meeres, das von unten heraufdrang, sprach von der Ruhe, vom ewigen Schlaf, der uns erwartet.“

Dass literarische Pilgerreisen mit Suche nach derartigen „Urszenen“ eine absurde Farce darstellen, wusste die New Yorker-Journalistin Janet Malcolm nur allzu gut, bevor sie zu einer Fahrt zu den Schauplätzen von Tschechows Leben und Schreiben in die Ukraine und nach Russland aufbrach. Als sie in die mit monströsen Hotelkomplexen verbaute Betonwüste des Schwarzmeerkurortes blickt, an dem sich einst Zaren und Bürger erholten, zeigt sie sich nur ihrer Reiseführerin

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