Enthusiasmuskolumne.Diesmal: Das beste Porträt der Welt der Woche

Mit Edouard Manet im Kiosk

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 04/10 vom 27.01.2010

Man möchte es am liebsten kaufen, dachte sich der Autor, als er das Wiener Lokal Kiosk betrat und dort ein Bild sah. Gegen konsumistische Reflexe eigentlich immun – Kunstwerke sind Staubfänger –, stellte sich ihm die Frage, warum dieses Bild den Stimulus zur Inbesitznahme traf.

Es handelt sich um eine Art multiples Porträt. Einige Dutzend quadratischer Porträts sind zu einem großen Quadrat addiert. Aus den disparaten Einzelteilen erschließt sich aber kein Gesamtporträt. Das Genre Porträt selbst wird zum übergeordneten Thema, das es zu ergründen gilt, denn die Einzelbilder sind eine krude Mischung von Köpfen und Stilen: alte und junge Leute, expressionistisch, düster oder kindlich gemalt, wie Kokoschka, Lucian Freud oder Judith Eisler. Ein Teufel muss er sein, jener Maler, der über so eine Palette verfügt.

Ein schriftlicher Hinweis bremst den Enthusiasten ein. Es handelt sich um ein Gemeinschaftswerk der Klasse von Judith Eisler an der Angewandten. Das Interesse an der Form verlagert sich auf den Kontext. Warum platzieren die Künstler ihre Porträts gerade an diesem von studentischem Publikum frequentierten Ort?

Jeden Abend sitzt hier ein alter Mann, der Zuflucht sucht vor Kälte und Einsamkeit und vom Personal höflich behandelt wird. Manchmal sitzt er unter dem Gemälde, dann wird er zu einem weiteren Porträt. Der Bildraum expandiert in den gesellschaftlichen Raum. Das Lokal wird zur Bühne des modernen Lebens, wie in Manets „Bar in den Folies-Bergère“ (1882).

Die Blicke der Gäste kreuzen sich, Identitäten werden geübt; der Katalog der Selbstbilder ist groß. Noch steht die kollektive Autorenschaft über der Eitelkeit der Signatur, so wie einst im Lokal Trabant nebenan. Dort traf sich in den frühen 90ern das junge Kunstprekariat (oder hieß es noch Bohème?), die Bar in eine Galerie verwandelnd.

Der Kaufreflex ist erlahmt, an seine Stelle trat die Hochachtung vor einer gelungenen Erweiterung der Malerei.


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