Ins Mark. Der Kommentar zur steirischen Woche

Hast du heute schon gemutmaßt?

Steiermark | aus FALTER 04/10 vom 27.01.2010

Thomas Wolkinger leitet die Redaktion des steirischen Falter

Was für ein Dilemma: Ich weiß noch immer nicht, ob ich den stellvertretenden Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (ÖVP) im Jahr der großen steirischen Wahlentscheidungen siezen oder duzen soll. Die zwei Varianten der jüngst affichierten VP-Plakate „Mehr Steiermark“, über die an dieser Stelle bereits gebührlich gelästert wurde, eröffnen ja beide Möglichkeiten. Hermann, wie hast du dir das gedacht? Das „Du“ für Erstwähler, das „Sie“ für Routiniers und Rentner?

Dafür bin ich mir bei Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ) recht sicher. Weil der neue beinhart interpunktierte SPÖ-Slogan – „Es geht um Heimat. Arbeit. Zukunft.“ – weder eine ähnlich lustige Wahl wie das ÖVP-Plakat anbietet noch überhaupt heimelige Vertrautheit aufkommen lässt. Und weil auch das, was der Landeshauptmann jüngst im Standard äußerte, ganz schön befremdlich war. Sie!

Es ging dabei, ja, wieder einmal um die Bettler, um die es in Graz immer dann geht, wenn einer schnell einmal das Bedürfnis nach einem kantigeren Profil hat. Franz Voves hat also, es hätte Mut und Entschlossenheit signalisieren sollen, über schlossbesitzende Hintermänner fabuliert, die Bettler busweise in die Stadt karrten, von tollen Hilfsprojekten, die „wir“ vor Ort gestartet hätten, und von „Experten“, die ein innerstädtisches Bettelverbot für gut befänden. Wider alle vorliegenden Fakten hat er das gesagt. Wider alle Fakten, die Polizei, Hilfsorganisationen und Medien zu Schicksal und Herkunft der Grazer Bettler über die Jahre recherchiert haben. Warum man sowas tut? Weil man, kann sein, bisweilen den Unterschied zwischen Mut und Mutmaßung aus den Augen verliert.


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