Kunst Kritik

In den Straßen von Beirut

Steiermark | Ulrich Tragatschnig | aus FALTER 05/10 vom 03.02.2010

Was Eugène Atget für Paris war, ist Walid Raad für Beirut: Ein fotografischer Chronist wechselnder Verhältnisse, einer, der die Street Photography nicht nur zur Dokumentation spannender Momente, sondern als alltägliches Medium begreift, um mit ihr das Typische am Detail und die Details des ganz Gewöhnlichen herauszuschälen.

Daraus ergibt sich ein Werk, das der klassischen Dramengestalt nur in der Einheit des Ortes verpflichtet bleibt und über lange Strecken verfolgt, was Beirut so ausmacht. Seit über 20 Jahren durchstreift Walid Raad im eigenen Auftrag die Straßen von Beirut. Dort, wo jeder jedem kriegsbedingt misstraut, hat er den Radius seiner Tätigkeit nur schrittweise erweitern können, hat sich vielmehr die „Atlas Group“, eine Hundertschaft Kollegen zur Unterstützung seines Unterfangens, imaginiert.

In „Sweet Talk: Commissions (Beirut)“ zeigt Camera Austria das bis dato eingebrachte Konvolut, sortiert zu Abteilungen, die eine jeweils eigene Bildsprache vortragen. Da sind Schwarzweißbilder, die Straßenzüge, oftmals Sackgassen, deren Bewohner, Ladenfronten oder Gärten festhalten. Größer im Format sind Gebäude porträtiert, prominent weil mittig und frontal ins Bild gesetzt, stolz trotz mancher arger Schäden. Deutlich intimer fallen schließlich die im schnellen Schnappschussmodus erhaschten Bilder aus, die Interieurs oder Menschen in ihrem privaten Umfeld, oft nur von hinten, zeigen. Walid Raads dokumentarische Praxis ist genährt von Zweifeln darüber, welche archivarischen Möglichkeiten die Kamera prinzipiell mit sich bringt. Die Nachwelt wird sie gerade deshalb sehr zu schätzen wissen.

Camera Austria, Graz, bis 4.4.


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