Wieder gelesen

Bücher, entstaubt

Politik | Wolfgang Zwander | aus FALTER 05/10 vom 03.02.2010

Über die Kärntner Seele

Kann man ein Land auf die Therapiecouch legen? Der Psychiater Erwin Ringel konnte das. Er hörte den Menschen zu, studierte ihre Charakteristik, las die Werke ihrer Schriftsteller. Daraus schuf er ein kollektives Psychogramm.

1984 veröffentlichte der gebürtige Rumäne den Bestseller „Die österreichische Seele“, vier Jahre später folgte „Die Kärntner Seele“. Ringel spricht darin Tacheles. Das machte ihn unbeliebt, obwohl er immer versicherte, Österreich und gerade auch Kärnten zu lieben. Als Psychiater, der auf Suizidforschung spezialisiert war, konnten ihm aber die Schatten nicht verborgen bleiben, die die heimische Seele verdunkeln. Er beschrieb sie als Zweizimmerwohnung. Der Österreicher habe ein schönes Zimmer, da empfange er jedermann, aber das zweite Zimmer, das sei ein finsterer Abgrund, und in dieses zweite Zimmer lasse er niemanden schauen.

Für die Kärntner, die er „Sizilianer Österreichs“ nennt, relativiert er diese Diagnose. Ihr „zweites Zimmer“ sei viel kleiner und viel freundlicher als das der restlichen Österreicher. Die Kärntner würden es wagen, Gefühlen Ausdruck zu verleihen, auch wenn diese schmerzhaft seien. Wie kommt es nun aber, dass gerade die Kärntner seit Dekaden mit ihrer notorischen Rechtslastigkeit unangenehm auffallen?

Ringel schreibt, die Österreicher würden bis heute die nationalsozialistische Vergangenheit verdrängen, mit vielen selbstzerstörerischen Folgen. Die Kärntner wiederum würden nichts verdrängen, im Gegenteil bekennen sie sich – „teilweise“ – bis heute forsch, frei und fröhlich zum Nationalsozialismus. Ringel, der 1994 in Kärnten verstarb, hoffte auf die Jugend, die allein diese Irrungen wettmachen könne. Ein Schritt dahin wäre, das vorliegende und so gut wie vergriffene Buch neu aufzulegen und in Kärntens Schulen als Pflichtlektüre einzuführen.

Erwin Ringel: Die Kärntner Seele. Die 1988 erschienene Erstausgabe ist vergriffen. Im Jahr 2000 neu verlegt im Hermagoras Verlag, 120 S., € 14,39


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