Stadtrand

Urbanismuskolumne

Stadtleben | Joseph Gepp | aus FALTER 05/10 vom 03.02.2010

Vergessene Wiener Gerätschaft Linienspiegel

Kürzlich blitzte sekundenlang eine Kindheitserinnerung an etwas auf, damals alltäglich bis unangenehm. Heute scheint es unendlich abstrus, wie aus einer ganz anderen Zeit: ungefähr 1991, Schulbeginn, mit den Eltern im übervollen Libro. Da lagen sie aufgestapelt, hunderte, tausende Stück, groß, klein, liniert, kariert, A4, A5: die Linienspiegel. Der Linienspiegel war wahrscheinlich schon vor 100 Jahren altbacken; ein strenges, immerzu verrutschendes, Beklemmungen hervorrufendes Ding. Menschen, die gerade erst schreiben lernen, sollen damit möglichst geradlinig schreiben. Das führt zur Frage: Gibt es den Linienspiegel auch heute noch? Achtet der postbürgerliche Wiener Vater, die Mutter, der Lehrer immer noch darauf, ob die Knirpse schablonenhaft kerzengerade schreiben? Eine kurze Internetsuche: Wikipedia kennt den Linienspiegel nicht. Das Österreichische Wörterbuch kennt ihn, in Deutschland werde er „Linienblatt“ genannt. Die Libro-Homepage bietet ihn auch noch an, sogar in allen Größen und Formen. Allerdings nur virtuell. Zum kostenlosen Download.


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