Kritik

Versatzstücke einer brüchigen Erzählung

Lexikon | aus FALTER 06/10 vom 10.02.2010

Das Werk der polnischen Künstlerin Aneta Grzeszykowska lässt sich kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen. 2006 reinszenierte sie Cindy Shermans legendäre Fotoserie der „Untitled Film Stills“ (1977–1980), um, wie das die Amerikanerin schon tat, Fragen nach Meisterschaft und Originalität aufzuwerfen. Danach schuf sie tänzerisch-choreografische Filme, in denen der Körper nur fragmentarisch in Erscheinung tritt.

Disparat mutet nun auch ihre aktuelle Ausstellung an. Für den Film „Birthday“ greift Grzeszykowska auf ein Homevideo zurück, das den Geburtstag eines Einjährigen zeigt. Durch Manipulationen auf der Bild- und Tonebene verkehrt sie die Aufnahmen vom Familienfest nach und nach ins Gespenstische. Wie Geister aus der Vergangenheit wirken ihre aus schwarzem Wollstoff gefertigten Kinderfiguren und Kuscheltiere. Sie stehen für Ereignisse aus der Kindheit der Künstlerin, tragen sogar Remakes deren Kleidung.

Kinder sind ein beliebtes Stilmittel im Horrorfilm. Hätte Aneta Grzeszykowska sich in dieser Schau auf das Zeigen des Films und der Figurinen beschränkt, hätte der Horrorfilm als Interpretationsansatz funktionieren können, wenngleich als ein recht vereinfachender. Da sie aber zusätzlich großformatige Fotografien zeigt, die zwischen der Sinnlichkeit weiblicher Aktdarstellungen und dem aggressiven Potenzial weiblicher Selbstinszenierung pendeln (anstelle der Schamhaare befinden sich stachelige Kletten), mag sich wie beim Rückblick auf ihr bisheriges Schaffen auch hier keine geschlossene Erzählung ergeben. MJ

Galerie nächst St. Stephan, bis 6.3.


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