Meinesgleichen

Die Satire und ihre Grenzen

Falter & Meinung | aus FALTER 06/10 vom 10.02.2010

Nein, ich rühre diese Debatte nie mehr auf. Das habe ich mir fest vorgenommen. Unter die Sache selbst haben wir einen Strich gezogen. Was Satire darf und was nicht, soll nur mehr ganz abstrakt erläutert werden. Doron Rabinovici hielt mir in Falter 5/10 mahnend den Satz entgegen: „Thurnher weiß doch sicher, dass es einen Unterschied macht, ob Mächtige aufgezogen oder die Opfer von Diskriminierung verhöhnt werden.“ Daran interessiert mich das Argument, Satire dürfe nur gegen Mächtige verwendet werden, alles andere sei unzulässiger Zynismus.

Ich kann verstehen, wie es zu dieser Argumentation kommt. Satire dient in der Regel dazu, Mächtigen Feuer unterm Arsch zu machen. Aber Satire ist vor allem eine literarische Darstellungsform menschlichen Fehlverhaltens, da spielt der gesellschaftliche Status ihres Objekts keine Rolle. Viele Tierquäler und Bestien in Menschengestalt, die Karl Kraus geißelte, gehörten den untersten Klassen an.

Es geht nicht darum, in welcher Lage sich einer oder eine befindet, es geht darum, was er oder sie tut oder sagt. Gerade die Position eines, der aufgrund seiner Diskriminierung scheinbar Immunität erlangt hat, stellt für die Satire ein besonders reizvolles Ziel dar. Sie macht sich nicht über seine Diskriminierung lustig, sondern trotz seiner Diskriminierung über ein Verhalten, das sie für geißelnswert hält. Das ist das verlockend Schöne an ihr: Vor der Satire gibt es keine Ausnahme.


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