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Politik | Veronika Seyr | aus FALTER 06/10 vom 10.02.2010

Ort kollektiver Verdrängung

Vier Tage und 15 Kilometer war die Rote Armee von der burgenländischen Grenze entfernt, als in der Palmsonntagsnacht des April 1945 in Rechnitz ein Massenmord an 200 ungarischen Juden begangen wurde. Sie gehörten zu den letzten ab dem Sommer 1944 für den Bau des „Ostwalls“ eingesetzten Zwangsarbeitern, die gegen Kriegsende auf Todesmärschen ins KZ Mauthausen verlegt – oder eben, wie in Rechnitz, ermordet wurden.

In mehr als 150 Gemeinden Österreichs sind nach den Schätzungen von Historikern an die 24.000 Zwangsarbeiter den sogenannten „Endphasenverbrechen“ zum Opfer gefallen. Diesen Zusammenhang herauszuarbeiten, der minutiöse Nachvollzug der Zeitabläufe, die Charakterisierung der Täter und die Suche nach den vergessenen Geschichten der Opfer, machen den Dokumentenband von Walter Manoschek und seinem Team aus jungen Wissenschaftern zu einem herausragenden Ereignis.

Das Volksgericht von 1948 konnte sich zu keiner einzigen Verurteilung durchringen, die als Haupttäter Genannten – allesamt lokale Partei- und SS-Größen – waren untergetaucht, und die Massengräber konnten trotz aufwendiger Suche bis heute nicht gefunden werden.

Deutlich treten sie auch der von den Medien marktschreierisch transportierten Version des Massenmordes als einer „Mitternachtspartyeinlage“ auf Schloss Batthyany entgegen, indem sie Täterideologie und Befehlskette rekonstruieren. Gleichzeitig ersparen sie es Rechnitz nicht, dass es noch immer als Ort der kollektiven Verdrängung stigmatisiert wird und als Pars pro Toto für den Umgang Österreichs mit dem Nationalsozialismus dasteht: Schweigen und Verdrängen, so wie es auch Elfriede Jelinek in ihrem dem Band vorangestellten wortmächtigen Essay „Im Zweifelsfalle“ formuliert.

Walter Manoschek (Hg.): Das Massaker an Juden im März 1945 (mit einem Text von Elfriede Jelinek). Braumüller Verlag, 266 S., € 24,90


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