Doris Knecht

Ich tue das nur, um Hegel zu widerlegen

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 06/10 vom 10.02.2010

Nachdem ich es mir in der ersten Wochenhälfte serienweise mit Freunden verscherzt hatte, verbrachte ich die zweite sicherheitshalber vorwiegend im Bett. Die Kinder, und mit ihnen alle mit Aushäusigkeit verbundenen Verantwortlichkeiten, waren ja eh im Skilager. Nicht, dass es im Bett freundschaftsdestruktionstechnisch sicher wäre: Ich verfüge über zwei intakte Hände, ein Handy, einen Laptop und ein Wireless Lan, damit lässt sich einiges anrichten. Allerdings lassen sich zwei der Verscherzungen hoffentlich unter Einsatz üppig dosierter Champagnerkuren heilen. Nur eine ist final, und da konnte ich, ehrlich, nichts dafür. Und der Freund auch nicht. Unüberwindliche Differenzen. Culture-Clash, Weltanschauungscrash, nichts geht mehr.

Hat sich aber eh schon abgezeichnet. Ich meine, wie befreundet ist man, wenn dich einer permanent nur aus Boarding-Warteräumen anruft, um dir ständig aufs Neue zu erklären, es könne gar nicht stimmen, dass du glücklich bist? Das sei technisch gar nicht möglich, weil wenn ein topmotivierter Firstmover wie er das nicht schaffe, wie sollte es dann einem mittelmäßigen Lulu wie meinereinem gelingen? Hören Sie sich einmal dabei zu, wie Sie jemandem erklären, dass Sie aber SEHR WOHL glücklich seien, TOTAL nämlich. Der Tonfall, in dem das nicht verzweifelt klingt, existiert nicht. Und wenn es hundert Mal stimmt. So gesehen ist mein Leben durch diesen Verlust nicht unbedingt ärmer geworden.

Und es wird sowieso schon diesen Freitag wieder reicher, wenn mich beim Protestsongcontest wieder hunderte junge Menschen in ihre Herzen schließen werden. Oder so. Oder nicht. Hegel formuliert in seinen „Vorlesungen über die Ästhetik“ ja schwere Bedenken gegenüber dem Protestsongcontest: „Das musikalische Talent kündigt sich“, meint er, „darum auch am meisten in sehr früher Jugend, bei noch leerem Kopfe und wenig bewegtem Gemüte an und kann beizeiten schon, ehe noch Geist und Leben sich erfahren haben, zu sehr bedeutender Höhe gelangt sein; wie wir denn auch oft genug eine sehr große Virtuosität in musikalischer Komposition und Vortrage neben bedeutender Dürftigkeit des Geistes und Charakters bestehen sehen.“ Aber gerade um Hegel zu widerlegen, setze ich mich auch heuer extra wieder da hinauf. Und ich will nicht enttäuscht werden, Damen und Herren! Sonst schreibe ich mir diesmal die unsterblichen Worte des Langen hinter die Ohren, der da sagt: „Ich schätze den jungen Menschen, aber ich suche nicht seine Gesellschaft.“ Und zwar in goldener Gravur.

Der Lange schätzt auch die moderne Kunst, sucht sie aber nicht unbedingt in seiner Stube, wie ich feststellen darf, als ich gerade den suprigen neuen Draschan an die Wand düble. Was ist das. Wieso muss das hier hängen. Warum hat er das da nicht angemalt, war er da zu faul. Und warum sind bitte keine Nackerten drauf?

Ich will wieder ins Bett, so-fort.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige