Kritik

Eines langen Tages allzu kurze Aufführung

Lexikon | Martin Lhotzky | aus FALTER 07/10 vom 17.02.2010

Auf der nach vorne geneigten goldgelben Fläche befindet sich außer einer halbelliptischen Riesencouch und einem kubischen Couchtisch (beide ebenfalls goldgelb und schon öfter im Volkstheater gesehen) für Gläser und Whiskey – nichts. Thomas Schulte-Michels, schon im Vorjahr bei „Drei Schwestern“ für Regie und Bühnenbild verantwortlich, fokussiert auch in Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ auf die Schauspieler. Das 1956 postum uraufgeführte Drama um eine irische Familie in Amerika spielt 1912 und fühlt sich genauso an. Alle sind süchtig: Vater James Tyrone und der ältere Sohn Jamie alkohol-, Mutter Marie morphium- und der jüngere Sohn Edmund schwind-. Sobald sie in verschiedenen Zusammenstellungen zu zweit beisammen sind, sagen sie einander ärgste Grobheiten, die sie ansonsten tunlichst voreinander verbergen. Schulte-Michels lässt ihnen dafür weniger als zwei Stunden Zeit. Das könnte reichen, gäbe es nicht auch noch eine Pause. Bis zu dieser unnötigen Unterbrechung legt vor allem Maria Bill als Marie ihre beste Vorstellung seit langem hin. Dann aber wird es zu hektisch, die gut aufgebauten Charaktere kommen allesamt ins Schlingern. Schade, es hätte wirklich toll werden können.

Volkstheater, Di 19.3


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