Kritik

Erinnerungsarbeit mit starken Gegensätzen

Lexikon | Manisha Jothady | aus FALTER 07/10 vom 17.02.2010

Mitte der 90er-Jahre schrieb ein niederländischer UN-Soldat „No teeth …? A moustache …? Smel like shit …? Bosnian Girl!“ an die Wand einer Armeebaracke in Potocari. Jahre später kursierte die Schmähung in Form einer Plakat- und Postkartenaktion durch den Kunstbetrieb. Die bosnische Künstlerin Šejla Kameriæ, damals 23 Jahre alt, hatte damit ein fotografisches Selbstporträt überschrieben. Die Arbeit hat bis heute nichts von ihrer berührenden Wirkung eingebüßt. Um diese Ikone postjugoslawischer Kunst zu sehen, muss man sich die Tür zum Lager der Galerie Krobath öffnen lassen. Denn für ihre aktuelle Ausstellung hat Kameric andere – wenngleich an diese Arbeit anknüpfende – Mittel ersonnen, um die traumatischen Ereignisse des Jugoslawienkriegs präsent zu halten.

Bill, George, Mohammed, Jörg oder Boris sind die Namen, die sie in Graffitischriftzügen auf gehäkelte Tischdekors sprayen ließ. Als Bildware zieren sie nun die Wände der Galerie. Fast alle dieser Vornamen sind die von Politikern. Als Zeichen männlicher Dominanz kontrastieren sie die harmlose Ästhetik jener Handarbeit, die als traditionelle weibliche Kulturtechnik gilt. Den Eindruck von Häuslichkeit und Geborgenheit versteht die Künstlerin auch in großformatigen an der Wand und am Boden platzierten Häkelarbeiten zu unterlaufen. Sie erinnern an Tarnnetze, Fadenkreuze oder Zielscheiben.

Die Schlagworte männlich und weiblich, Bedrohung und Frieden, Tradition und Gegenwart sind beim Besuch dieser polarisierenden Schau permanente Begleiter. Eine differenzierte Sichtweise eröffnet Šejla Kameric hier freilich nicht. Doch wer seiner Betroffenheit nachhaltig Ausdruck verleihen möchte, muss das auch nicht.

Galerie Krobath, bis 13.3.


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