Kritik

Gefrierende Farbschleier im Cinemascope

Lexikon | Matthias Dusini | aus FALTER 07/10 vom 17.02.2010

Der Maler Hubert Scheibl, Jg. 1952, machte in den 80er Jahren mit expressiven Bildern Furore. Die krude Zeichenhaftigkeit und krustige Materialität früher Bilder löste sich allmählich in meditative Farbstimmungen auf, einen Weg, den er in der Ausstellung „Fat Ducks“ konsequent weitergeht. Noch feuchte Farboberflächen werden zerkratzt und verschmiert, wodurch dreidimensionale Effekte entstehen: Als würde man in Landschaften – oder im introspektiven Sinn in die eigenen Abgründe – eintauchen.

Scheibl lehnt sich so weit aus dem Fenster der Abstraktion, dass sich weiße Farbschichten für jedermann erkennbar zu Eisbergen türmen, blau erstrahlt der Himmel, die Sonne golden. Interpretationshilfen liefern die Bildtitel, die vorzugsweise Filmen der Coen-Brüder entnommen sind, etwa „Sagen Sie‘s (No Country for Old Men)“ (2008). Die riesigen Formate der neuesten Bilder lassen auch so an das Cinemascope denken.

Während seine Maltechnik an Gerhard Richters abstrakte Hälfte erinnert, verweisen die Zeichnungen auf Cy Twombly. Im Papier versickernde Farbkleckse, Bleistiftgekrakel und Fragmente von Wörtern und Piktogrammen zeigen einen für visuelle Nebengeräusche und subsonische Vibrationen sensibilisierten Künstler.

Zahlreiche Zeichnungen hängen in einem halbrunden Raum, in dem auch eine Installation untergebracht ist. Hier verlässt der Künstler das Schweigegebot der Abstraktion nun gänzlich und begibt sich auf das glatte Eis des Symbolismus. Auf einem skelettierten Krokodilkopf sieht man Zahlen, der Boden ist von einer Schicht alter Gummireifen bedeckt. Der Künstler zerreißt die schützende Membran malerischer Mehrdeutigkeit und gibt den Blick auf seine Sicht der Gegenwart frei. Düster, düster!

Essl Museum, bis 9.5.


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