Zwischen Show und Schock: Die dunkle Seite der Nacht

Steiermark | Herwig G. Höller | aus FALTER 07/10 vom 17.02.2010

Die Tiger Lillies gastieren mit brutalen Kinderliedern in Graz

Sie geizen nicht mit Düsternis, sind für exzentrische Auftritte mit weiß bemalten Antlitzen bekannt und gelten als Pioniere eines Genres namens „Dark Cabaret". Die Rede ist vom Londoner Kulttrio „The Tiger Lillies", das es aus Anlass seines 20. Jubiläums wieder einmal auf eine Europatournee verschlägt. In Graz hat man für die Briten einen passenden Rahmen gefunden: Das 1899 als Varieté eröffnete Orpheum avancierte alsbald auch zum Tummelplatz der Halbwelt und galt gutbürgerlichen Grazern als Sündenpfuhl.

Die Londoner dürfte dieser historisch-rotlichtige Kontext erfreuen. Sänger und Akkordeonist Martyn Jacques soll – so die offizielle Legende – jahrelang über einem Bordell im Stadtteil Soho gewohnt, dort seine eindrucksvolle Kopfstimme erprobt und auch eine gewisse Affinität zu Zuhältern, Prostituierten und Drogensüchtigen entwickelt haben, von denen auch zahlreiche Lieder handeln. Auf der aktuellen Tour widmet sich die Band aber vor allem „Struwwelpeter", einem abwegigen Werk der deutschen Kinderliteratur. Dabei sind die Texte, deren schockierende Abartigkeit und Brutalität das Trio genüsslich vorexerziert, nicht wirklich für Kinder.

Das gilt auch für fast alle anderen Songs der Briten. Show sei zwar wichtiger als Schock, so Jacques: „Aber natürlich will ich auch schockieren und Menschen provozieren und damit zum Nachdenken bringen."

Orpheum, Fr 20.00


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