Kritik

Schatten in Suburbia: Koltès ist wieder da

Lexikon | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 08/10 vom 24.02.2010

Der Franzose Bernard-Marie Koltès war in den 80er-Jahren auch im deutschen Sprachraum ein viel gespielter Autor. Die düster schillernde Poesie seiner Stücke passte gut zum artifiziellen Hochglanztheater jener Zeit. Nach dem frühen Tod des Dramatikers aber – Koltès starb 1989 im Alter von 41 Jahren an Aids – fanden seine Dramen nur noch selten auf die Spielpläne. Wenn Andrea Breth im Burgtheater jetzt das Koltès-Stück „Quai West“ (1985) inszeniert, steht auch die Frage im Raum, ob der Autor zu Recht in Vergessenheit geraten ist.

Zu diesem Zweck ist „Quai West“ insofern eine gute Wahl, als das Stück alles enthält, was für Koltès charakteristisch ist: das suburbane Setting (verlassene Hafengegend), das entsprechende Personal (kleinkriminelle Randfiguren der Gesellschaft) und das Thema (eine Welt, in der alles ein „Deal“ ist). Der Plot: Ein Geschäftsmann, der Geld unterschlagen hat, möchte ausgerechnet hier Selbstmord begehen (es wird ihm nicht gelingen). Erich Wonder, ein großer Bühnenbildner der Eighties, hat für das Stück eine Halbwelt aus Pflastersteinen, Rohren und semitransparenten Folien entworfen, die oft so sparsam ausgeleuchtet ist, dass die Figuren darin nur als Schemen erkennbar sind. Die Schauspieler – darunter bewährte Breth-Leute wie Andrea Clausen, Elisabeth Orth und Sven-Eric Bechtolf – zelebrieren den Text: jedes Wort ein Gedicht, jede Geste eine kleine Choreografie. Kein Zweifel: Das ist große Kunst. Aber ob man Koltès heute noch spielen soll, lässt sich nach drei bleiernen Stunden nur ausweichend beantworten: so dann eher doch nicht.

Trotzdem gut, dass es im derzeit so erfolgreichen Burgtheater jetzt auch eine Inszenierung gibt, die es dem Publikum schwermacht. Viele gehen in der Pause. Und die, die bleiben, nehmen’s mit Humor. Kommentar einer Besucherin, die Damentoilette betretend: „Na, da is’ wenigstens hell!“

Burgtheater, Fr 19.30, So 18.00, Di 19.00


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