Kritik

Im Universum der Parallelgesellschaften

Lexikon | Manisha Jothady | aus FALTER 08/10 vom 24.02.2010

Wenn der Blick die Orientierung verliert, tritt der akustische Sinn an seine Stelle: Aus der Videoprojektion „Zid/Wall“ der aus Bosnien stammenden und zwischen Sarajevo und Düsseldorf pendelnden Künstlerin Danica Dakic (*1962) „blicken“ einem zig Münder entgegen. Das babylonische Sprachgewirr, das sie erzeugen, gleicht einem Identitätenpatchwork. Es straft Globalisierungsoptimisten Lügen. Auch in ihrem „Autoporträt“ hat Dakic anstelle der Augen einen zweiten Mund gesetzt. Neben physiognomischen Merkmalen ist es die Sprache, die uns etwas über die Identität einer Person zu verraten vorgibt.„Role-Taking, Role-Making“ heißt die Schau, in der die Künstlerin Themen wie nationale und individuelle Identität, Rollenzuschreibung, Selbstpositionierung und Anpassung verhandelt. Zugehörige gesellschaftlicher Randgruppen wie die Bewohner eines Heims für geistig und körperlich behinderte Menschen, minderjährige, elternlose Immigranten in Deutschland, Roma und Sinti am Balkan sowie mexikanische Indigene sind die Akteure ihrer zwischen theatralischem Manierismus und spröder Dokumentationsästhetik angesiedelten Filme und Fotografien, in denen sich Authentisches und Inszeniertes auf irritierende Weise überlagern. Danika Dakics Attitüde ist eine aufklärerische, wenngleich sie sich hierfür der Mittel poetischer Überhöhung bedient. Als Identifikationsfolie für den Betrachter funktionieren ihre Werke derart freilich nicht. Unüberwindbar ist die Kluft, die sich zwischen dem Ich und den anderen auftut.

Generali Foundation, bis 16.5.


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