Vernissage

Zappen durch die Bildschirmwelten

Lexikon | aus FALTER 08/10 vom 24.02.2010

Heute kaum mehr vorstellbar, aber der ORF war einst wirklich progressiv: 1972, im Rahmen der Sendung „Impulse“, strahlte das heimische Fernsehen Peter Weibels seit 1969 entstandene „teleaktionen“ aus. Weibel wollte damit nicht nur die Scheinwahrheit der TV-Bilder offenlegen, sondern auch das Fernsehen für die Kunst instrumentalisieren. Auf die Unterstützung öffentlicher Sendeanstalten konnten Nam June Paik und Wolf Vostell wenige Jahre zuvor noch nicht hoffen, zumal ihr Interesse vor allem den technischen Manipulationsmöglichkeiten des elektronischen Bildes galt. Erst 1973 legte Paik mit dem Videoklassiker „Global Groove“ sein Manifest für das TV der Zukunft vor.

Die Geschichte einer Hassliebe zeichnet nun die Ausstellung „Changing Channels. Kunst und Fernsehen 1963–1987“ nach. Die Kommunikationsstrukturen des Massenmediums und seine bewusstseinsbildenden Effekte kritisch zu hinterfragen war das zentrale Anliegen vieler Künstler in den 70er-Jahren. Legendär in diesem Zusammenhang ist etwa die Aktion „Media Burn“ von Ant Farm. Mit einem maßgefertigten Cadillac El Dorado rasten die Mitglieder der Gruppe durch eine Pyramide brennender Fernsehgeräte. Andy Warhol dagegen nutzte das Fernsehen in den 80ern ganz im Sinne seines Starkults. MTV strahlte zahlreiche der insgesamt 42 Episoden von „Andy Warhol’s TV“ aus, das Prominenten eine Bühne zur Selbstdarstellung bot.

Seither haben Künstler immer wieder eine offenere und experimentelle Nutzung des Fernsehens entworfen oder mittels subversiver Strategien versucht, Nischen in der expandierenden Medienlandschaft zu besetzen. Eine eigene Kunstform hervorgebracht hat das mächtigste aller Massenmedien jedoch bis heute nicht. MJ

Mumok, Do 19.00, bis 6.6.


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