Meinesgleichen

Mager: deutsche Debatte über das Fett des Staates

Falter & Meinung | aus FALTER 08/10 vom 24.02.2010

Ein interessanter Fall von Begriffsverwirrung ist derzeit in Deutschland zu besichtigen: Guido Westerwelle, Außenminister und FDP-Chef, sprach im Zusammenhang mit dem Sozialstaat von „Dekadenz“ und entfesselte eine rege Debatte darüber, ob das Römische Reich tatsächlich an übermäßiger Mildtätigkeit zugrunde ging. Antwort: Es ging daran zugrunde, dass es seine Armee nicht mehr finanzieren konnte, die zwei Drittel des Staatshaushalts verschlang. Dennoch kam in der deutschen Debatte sogleich der Begriff des fetten Staats auf. Die Debatte ums Fett findet auch in den USA statt. Thomas Friedman schreibt in der New York Times, Amerikas fette 70 Jahre seien nun vorbei, und zitiert Michael Mandelbaum, den außenpolitischen Experten der Johns Hopkins University.

Mandelbaum behauptet, die große Aufgabe der Regierungen werde fortan nur mehr darin bestehen, den Leuten Dinge wegzunehmen. Obamas Pech sei es gewesen, sagt Friedman, dass er just in dem Augenblick erschien, als die USA von ihren fetten in die mageren Jahre wechselten. Immerhin verteidigte in der Süddeutschen Zeitung Heribert Prantl das als Fett Diskreditierte so: „Demokratie und Sozialstaat gehören zusammen. Die Bürger in einer Demokratie brauchen Ausbildung und Auskommen, sie brauchen eine leidlich gesicherte Existenz. Das Leben wird weiterhin ungerecht beginnen und es wird ungerecht enden. Dass es dazwischen einigermaßen gerecht zugeht – dafür gibt es den Sozialstaat.“

Quellen:

Thomas Friedman: The Fat Lady Has Sung, New York Times, 20.2. (nytimes.com)

Heribert Prantl: Korrektur des Schicksals, Süddeutsche Zeitung, 20.2. (nicht online)


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