Dieses Zombieland ist uns allen gut bekannt: Gerhild Steinbuch greift tief in den Topf mit dem Theaterblut

Feuilleton | aus FALTER 08/10 vom 24.02.2010

Theaterkritik: Thomas Wolkinger

Die Figuren in Gerhild Steinbuchs Stücken leben nicht, sie sind bloß Platzhalter für Haltungen, die ihnen die junge Autorin (Jg. 1983) zuschreibt. In diesen Stücken (seit 2004 waren es immerhin acht vielbeachtete Uraufführungen) prallen diese blutleeren Kunstwesen aufeinander, sondern mehr oder weniger poetische Rumpfsätze ab, gehen eigenartige, oft gewalttätige Beziehungen ein, um am Ende nicht selten wieder leblos zu Boden zu sinken. Man könnte auch sagen: Steinbuch schreibt Zombiestücke. Auch „Herr mit Sonnenbrille“ ist ein solches. Der Genannte ist zwar nicht zu sehen, dafür gibt’s einen Mann und eine Frau, die exemplarisch die österreichische Provinztristesse zwischen Schwerindustrie und Massentourismus durchleben – einmal als blutjunges Paar (Katja Kolm und Ingo Tomi), einmal als resigniertes altes (Katja Jung und Max Mayer). Dazu kommt ein „Kind“ (Bettina Kerl), das mit seinem Vater in ähnlich schaurigem Spiel verfangen ist wie Elm und Milan in Steinbuchs „schlafengehen“.

Es ist nicht das einzige Déjà-vu des Abends. Die Figuren, die schon kaum mit dem Alltag zurechtkommen, müssen sich auch noch an den ewigen Wiedergängern der österreichischen Nachkriegsliteratur abarbeiten: Faschismus, Katholizismus, Heimatmythos, Naturzerstörung … Das bringt den zähsten Zombie um! Der Abend beginnt monoton melancholisch und seltsam berührend zum Chor von „I hob die gern“, aber dann schickt Regisseur Boris Borgmann das Stück durch eine trashig-zotige Referenzhölle, die ganz auf Theaterblut und -exkrement vertraut; er lässt Christl Stürmer zur Massenvergewaltigung „Nie genug“ singen und am Ende zum „Andachtsjodler“ ein Krippenspiel wirklich Untoter aufführen, das nicht und nicht enden will. Nie genug? Ja, da ginge schon noch mehr.

Die nächsten Termine: 27. und 28.2., 14. und 16.3. im Schauspielhaus


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