Phettbergs Predigtdienst

Kaum lernst du atmen, verglühst du schon

Kolumnen | aus FALTER 08/10 vom 24.02.2010

Hermes Phettberg führt seit 1991 durch das Kirchenjahr

Mein fades Leben führte letzten November nach Unternalb. Am dortigen Friedhofsacker haben meine Eltern oft viehisch gearbeitet, nun liegen sie daneben begraben. Ich habe nie gearbeitet. Nirgendwo. Nie mich irgendwo hineingebohrt, nie mich irgendwo hineinliiert. Bin ich nur Schein-Mensch? Während ich das schreibe, erschreck ich darob selbst. Andererseits: Als ich Kind war, meditierte ich vorm Kleiderhaus Zach in Retz: „Zum Glück bin ich keine Kleiderpuppe geworden, sondern ein Kind.“ Wenn wir geboren werden, bilden wir uns ein, Mordswas zu entdecken, dabei ist alles uralt. Bild dir also nicht gar so viel ein, du Nichts!

Hannes-Benedetto fuhr und Roman & Markus begleiteten mich. Mein Bruder Theo führte uns in mein Elternhaus, das total feucht schon war, weil irgendwann in all den Jahren, wo ich mich um das Haus nicht gekümmert hatte, ein Wasserschaden stattfand. Aber noch ist alles so, wie es meine Mama hinterließ, als sie verstarb. Immer zu Silvester kam meine Mama – ich feierte Silvester immer in Unternalb – zu mir in die Küche, wo ich Fernsehen schaute, und tanzte mit mir den Donauwalzer ... Es ist ein Jammer, sterben zu müssen. Kaum lernst du richtig atmen, verglühst du schon.

Mein Interesse bei diesem Besuch war ein materielles und galt zwei Fotos: ich und mein nie erlebter väterlicher Großvater, der an Blutvergiftung starb. Als ich den 17. Geburtstag beging, schenkte ich meinen Eltern ein großes, vom Geschäft Simonis angefertigtes Bild, darauf ich in meinem soeben gekauften Anzug – und das liegt jetzt im rosa Zimmer. Dazu wollte ich das Foto vom Großvater drapieren, doch wir fanden es nicht. Die Zeit war knapp, kalt war es und der Raum war voll mit Windelhosen. Ich leide an derselben Krankheit wie meine Mama: Alle fünf Minuten ludeln.

Die Gedanken verflachen sich in Proportion zur Zeit. Also die gestrigen Gedanken sind noch heißer als die Gedanken von vorvorgestern. Je länger du zum Einschlafen brauchst, desto mehr brennen sie noch. Dazu kommt diese ewige Einsamkeit. So wirst du immer öder. Mein Leben lang hatte ich keine brennende Affäre. Ich kann nicht einmal darob mehr weinen. Routiniert tipp ich das her. Wie ein „Alter“. Derweil bin ich pubertierend.

Die ungekürzte Version des Predigtdienstes ist über www.falter.at zu abonnieren.

Unter www.phettberg.at ist wöchentlich neu zu lesen, wie Phettberg strömt


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige