Musiktheater Kritik

Aribert Reimanns „Medea“ an der Staatsoper

Lexikon | aus FALTER 09/10 vom 03.03.2010

Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.“ Mit düsteren Worten verlässt Medea die Bühne – und hinterlässt doch auch Hoffnung. Ausgrenzung, offenen Hass hat sie, die Barbarin, bei den Griechen erfahren; Jason, ihr undankbarer Mann, hat sie verstoßen, ihr die Kinder genommen. Verzweifelt wird sie zur Mörderin – und lässt der barbarischen Rache humanistische Einsicht folgen, will sich demütig dem Gericht in Delphi stellen. Auf Grundlage von Franz Grillparzers Tragödie hat Aribert Reimann mit seiner „Medea“ ein überwältigendes Seelendrama geschaffen, das bei seiner Uraufführung an der Staatsoper zum umjubelten Erfolg geriet. Nicht nur, weil Reimann wie kaum ein anderer Komponist unserer Zeit sangliche Psychogramme zu zeichnen versteht; sondern auch weil er dem Orchester eine eigene, höchst eloquente Stimme verleiht. Und weil – unter der souveränen Leitung Michael Boders und in den stimmungsvollen, schlichten Bildern Marco Arturo Marellis – hier ein rundum fantastisches Ensemble am Werke war. Marlis Petersen meistert ihre bildreich gehetzte Titelpartie voller schroffer Kanten, Brüche und Sprünge mit Bravour. Adrian Eröd lässt einen Jason plastisch werden, der hin- und hergerissen ist zwischen Egoismus und Zuneigung, Verachtung und schlechtem Gewissen. Ebenso beeindruckend: Michaela Selinger (Kreusa), Elisabeth Kulman (Gora), Michael Roider (Kreon) und Max Emanuel Cencic (Herold).

Übrigens ist Aribert Reimann dieser Tage in Wien auch als Meister der kleinen Form zu erleben. Im Musikverein singt die deutsche Sopranistin Mojca Erdmann seine kammermusikalisch begleiteten Lieder „… ni una sombra“ nach Worten von Antonio Porchia und Friedrich Rückert. cf

Medea: Staatsoper, Sa, Di 19.30 Kammermusik: Musikverein, So 20.00


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige