Kritik

Erhitzte Gemüter, begrenzter Raum

Lexikon | Manisha Jothady | aus FALTER 09/10 vom 03.03.2010

Endlich hat Österreich wieder einen Kunstskandal! Christoph Büchel hat im Untergeschoß der Secession einen Swingerclub installiert. Das Element6 zog auf Initiative des Schweizers von der Wiener Kaiserstraße in die Friedrichsstraße. Tagsüber wandeln die Besucher als etwas ratlose Statisten durch das mit Sexnischen, SM-Geräten, kitschigen Erotikbildern, Whirlpool, Go-go-Dancefloor und Bar ausgestattete Lokal, abends läuft hier Normalbetrieb. Die Frage, was nun Kunst sei und was nicht, was sie dürfe und wann sie zu weit ginge, wurde seit der Eröffnung der Schau von empörten Politikern und Mitbürgern heftig diskutiert (siehe Kommentar auf Seite 6 im Hauptblatt dieser Ausgabe). Büchel, der das Motto des Hauses „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“ in „Der Kunst ihre Kunst, der Freiheit ihre Zeit“ modifizierte, dürfte jedenfalls seine wahre Freude an den Reaktionen haben. Denn ohne den Skandal würde die Wirkung seiner Intervention wohl im Randbereich ohnehin affirmierender Kunstkritik verpuffen.

Für eher unterkühlte Atmosphäre sorgen Nicole Six & Paul Petritsch im Hauptraum des Gebäudes. Mit einer enorm reduzierten Setzung reizt das Duo das Gefühl des Im-Raum-verloren-Seins aus. „Atlas“, titelt das Projekt, in dem es um physische Raumvermessungen geht. Poster zur freien Entnahme, zigfach gestapelt, erzählen von einer Motorradfahrt entlang einer Rennstrecke am Nullmeridian. Über die Umrundungen wurde penibel Buch geführt. Die hier suggerierte Weite wird durch einen am Boden platzierten Betonklumpen kontrastiert. Es ist der Abguss eines Hohlraums in der Wand der Secession, in dem sich Nicole Six 24 Stunden lang aufgehalten hat. So wohnt dem ästhetisch Spröden letztlich doch auch ein Hauch an Sensation inne.

Secession, bis 18.4.


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