Neu im Kino

Tim Burton führt Alice ins Ariel-Color-Action-Land

Lexikon | Klaus Nüchtern | aus FALTER 09/10 vom 03.03.2010

An Verfilmungen von oder nach Lewis Carrolls’ „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ herrscht kein Mangel: Stumm-, Ton- und Trickfilm, Anime-Serie und TV-Musical … Nun setzt also Tim Burton den zwei Dutzend Vorgängern noch eins drauf und gibt Disney damit Gelegenheit, die Scharte von 1951 auszuwetzen; eine Chance die, machen wir’s kurz, grandios vergeigt wurde.

Was haben Burton und sein Produzententeam nicht alles aufgefahren: Bis zu den Zwei-Sätze-Synchronisationsrollen wurde nur die erste Garde aufgeboten (Christopher Lee als Jabberwocky, Imelda Staunton als Blumengesicht), etwas mehr Text kriegen Stephen Fry, Alan Rickman und Timothy Spall. Der „Bandersnatch“ bekommt erstmals Gestalt (Typus Megakampfhyäne), und leider wird den Abenteuern von Alice auch eine platt psychologisierende Rahmenhandlung verpasst – vom fantasiebegabten Mädchen, das sich gegen die (weiblich dominierten) Öd-blöd-Konventionen der Gesellschaft durchsetzt und am Ende, ganz daddy’s girl, die Handelsflotte des verstorbenen Vaters übernimmt: Den Träumenden gehört die Welt!

Dazwischen liegt lausig erzähltes Staunemachkino, das Carroll’s poetischen Nonsense in ein Fantasy-Action-Spektakel à la „The Golden Compass“ transformiert. Wer auf eher läppische 3-D-Effekte Wert legt, muss sich graue (!) Brillen aufsetzen und fühlt sich wie im ersten Teil des Ariel-Color-TV-Spot.

Was ein kaum erkennbarer Johnny Depp als Mad Hatter (Regieeinfall: Karottenhaare, grüne Iris) da macht, kapiert man die ganzen 108 Minuten nicht – sein Schlusstänzchen hat (trotz Digitalisierung) gegen Tom Cruise’ buchstäblich breitärschige Performance aus „Tropic Thunder“ keinen Auftrag. Einziger Lichtblick: Helena Bonham Carters grandios minimalistische Darstellung als decaputationsfreudige Rote Königin. Dafür, dass er diese Darstellung in so einem Film vergeudet, soll sie ihrem Gatten Tim Burton gefälligst den Kopf abhacken!

Ab Fr in den Kinos (OF im Haydn)


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